23. Dezember 2010

Lieber Simeon,

wie dicht Leben und Tod beieinander sind, wir erleben es, aber wir begreifen es lange nicht... wir beide haben darüber gesprochen, ahnungslos! Ahnungslos?

Unser lieber Struppi

Am 19. Mai 2010 feierten wir Davids 29. Geburtstag mit der ganzen Familie bei uns zu Hause. Eine schöne, quirlige Runde: Wir sitzen um den großen Tisch herum, die Balkontür steht weit offen, die Maisonne fließt ins Zimmer, die Linde im Garten reckt ihre zartgrünen Blätter nach oben bis zum Fenster. Nur Struppi, unser lieber Hund ist sehr alt und krank, alle bedauern ihn und wir wissen, er wird bald sterben. Er kann nicht mehr alleine aufstehen, frisst kaum noch und kann sich nicht mehr auf den Beinen halten.

Am 20. Mai 2010 stirbt Struppi. Nachmittags 14:00 kommt der Tierarzt zu uns nach Hause. Simeon, Du bist schon aus der Schule zurück, Frank hat sich einen Tag frei genommen. Wir sind im Garten versammelt und nehmen von Struppi Abschied. Der Tierarzt gibt ihm zerst eine Beruhigungsspritze, diese versetzt Struppi in friedlichen Schlummer. Die nächste Spritze, die sein Herz stehen bleiben lässt, spürt er schon nicht mehr.

Wir weinen um unseren lieben, kleinen Begleiter und schaufeln sein Grab. Immer wieder streicheln wir zart den kleinen leblosen Körper, der noch ganz warm ist. Während Frank gräbt, sitzen wir beide auf der kleinen blauen Bank und halten uns im Arm. Mich bewegt es, zu sehen, wie Dir jungem Mann die Tränen laufen. Wir legen Struppi schöne Beigaben ins Grab: Leckerli, einen kleinen Plüschhund, alle Kräuter aus dem Garten, Lavendel, Blumen, wir legen weißen und violetten Flieder hinein. Auf das Grab pflanzen wir Blumen und gießen sie jeden Tag.
In den nächsten Tagen und Wochen sprechen wir oft über den Tod. Über das Verschwinden von der Erde, über den Verlust, den Schmerz, die Trauer.

Du erzähltest mir Deine Vorstellung vom Sterben. Ich war sehr erstaunt, denn ich dachte immer Du seiest recht rational in diesen Dingen und würdest eher naturwissenschaftlich herangehen. Du sagtest, Du hättest die Vorstellung, dass ein Mensch, wenn er stirbt, seinen Körper verlässt, doch dass das Selbst, die Seele nicht verloren geht, sondern nur durch die Loslösung vom Körper und vom Gehirn seine Erinnerung verliert. Das Selbst – oder die Seele oder das ICH (Du wolltest diese Begriffe nicht voneinander trennen) würde dann in einem neuen Menschen wiedergeboren, der – weil die Erinnerung nicht mitgekommen ist – alles neu lernt und sein ICH, sein Selbst, seine Seele neu erfährt und entdeckt. Im neuen Körper entwickelt er sein iridisches Berwußtsein mit den Mitteln, die ihm sein Gehirn, sein Körper und seine Umgebung bereitstellen. Aber die Seele selbst würde immer bleiben, auch wenn sie jedesmal eine einzigartige Form erhält.

Abendsonne im Dünenwald, 2006

Ich fand Deine Vorstellung unglaublich schön und wünschte Dir, dass Du fest daran glauben mögest. Wir sprachen davon, dass man sich solche Dinge wünsche könne und daran glauben könne, da ohnehin nichts bewiesen sei und niemand Gewissheit habe. Wir dachten, wenn wir es so glauben wollen, dann wird es für uns so sein. Und wir können mit dieser schönen Vorstellung leben.

Jetzt muss ich fast jeden Tag an Deine Worte denken. Und frage mich immer wieder, ob es wohl so ist, wie Du dachtest? Du weißt es jetzt, mein kleiner, großer, weiser Simeon. Du weisst jetzt all das, was wir, solange wir noch hier sind, nie wissen werden.