Lieber Simeon,

Als ich am 16. August, drei Tage nach Deiner Beerdigung, endlich begann, Dir alles aufzuschreiben und auf diese Weise, indem ich Dir alles erzähle, die Geschehnisse im Gedächtnis zu behalten, eine zeitliche Ordnung zu ermöglichen, um irgendwann später vielleicht  zu verstehen, was ich im Moment des Geschehens nicht begreifen kann, als ich also damit begann, glaubte ich ganz sicher, mich an jeden Tag, jede Stunde erinnern zu können. Die Zeit seit dem unsäglichen Unglück schmilzt für mich an manchen Tagen auf einige Momente zusammen, dann wieder habe ich das Gefühl, alles wäre gestern passiert. Ein anderes Mal scheint es so, als wäre alles unendlich fern, in einem anderen Leben gewesen, so, als befände ich mich schon ewig in dieser regungslosen Raserei, Dich suchend, Dich vermissend, Dein Schicksal beklagend, meinen Verlust beklagend, in der Wirklichkeit eingekerkert, die nichts anderes zulässt als Deinen Tod anzuerkennen.

Blumen im Regen - Grüße von Deinen Lieben, Mitte August 2010