Am 29. Juli erhalte ich diese E-Mail von Volker, nachdem Frank und ich am Vormittag seine Frau Dorette auf der Straße getroffen hatten.

Liebe Katrin,
Mich hat selten in meinem Leben eine Nachricht so schockiert wie die, dass ausgerechnet Dein Simeon jener im Müggelsee ertrunkene Schwimmer war, über den ja auch unser "Tagesspiegel" berichtet hatte. Als mir das Dorette, die selber noch völlig verstört war, heute Mittag berichtete, war auch ich tief bestürzt und hatte Mühe, das zu begreifen. Als ich die Notiz in der Zeitung gelesen hatte, bin ich mehr oder weniger gleichmütig darüber hinweggegangen und habe nur gedacht: Wie ist es denn möglich, dass ein geübter Schwimmer in dieser relativ kurzen Entfernung vom Ufer des Müggelsees ertrinken kann? Aber nun, wo ich weiß, dass Simeon es war, der dort verunglückt ist, finde ich dieses tragische Geschehen so fürchterlich und so grausam, dass mir die Worte fehlen, meine tiefe innere Betroffenheit und mein Mitgefühl für Dich angemessen auszudrücken. Ein Kind zu verlieren, an dem man ganz besonders gehangen hat und das sein Leben doch noch gar nicht richtig zu leben begonnen hatte, ist wohl der schlimmste Schicksalsschlag, der Eltern treffen kann. Das rührt, so glaube ich, tief an die Wurzeln des eigenen Lebensgefühls und lässt einen alles als grau, leer und völlig sinnlos erscheinen. Da hat man so viel an Liebe und an Zuwendung in die Entwicklung seines Kindes investiert, wie Du das getan hast, hat sich manche Sorgen um sein Kind gemacht und es behutsam bis zum Erwachsenwerden zu führen und vor manchen ungünstigen Einflüssen zu schützen versucht: Und plötzlich macht ein derart jäher und brutaler Einschnitt das alles zunichte und steht man mit leeren Händen da.  

Normalerweise pflegt man ja demjenigen, der einen solchen Verlust erlitten hat, Trost zuzusprechen: Aber das kann ich in Deinem Falle einfach nicht. Hätte Simeon an einer unheilbaren Krankheit gelitten, könnte man ja wenigstens sagen, dass er nun von seinen Leiden erlöst ist. Aber Simeon war nicht krank und ist völlig unerwartet und auf äußerst heimtückische Weise aus dem Leben herausgerissen worden - da gibt es nichts zu trösten oder zu beschönigen. Ich kann Dir nur sagen, dass Dorette und ich sehr, sehr traurig sind und ganz tief mit Dir mitfühlen. Wobei unser Mitempfinden wohl vor allem deshalb so stark ist, weil wir beide Simeon sehr gemocht haben und wussten, was für eine gute Beziehung Ihr zueinander hattet und wie sehr Du ihn geliebt hast. Ich erinnere mich auch sehr gern an meine beiden Ausflüge mit ihm: an unsere Wanderung im Harz und an unsere Fahrt nach Dresden. Und ich alter Kerl bin nun schon einundsiebzig Jahre alt und lebe weiter, während er, der so viel Jüngere, schon jetzt jenen "Schritt ins Dunkel" tun musste, der uns allen eines Tages bevorsteht: Es ist und bleibt alles so unvorstellbar und so ungerecht, dass man seine Fäuste zum Himmel ballen und das Schicksal, das so unbarmherzig zuschlägt, verfluchen möchte.

Liebe Katrin: wir wünschen Dir von ganzem Herzen, dass Du trotz dieses grässlichen Verlustes nicht allen Lebensmut verlierst und allmählich wieder zu Dir selbst findest. Eine schmerzliche Lücke wird wohl für immer in Dir bleiben, aber wenigstens hast Du jetzt Frank an Deiner Seite, der Dir sicherlich helfen wird, die kommenden schweren Monate und Jahre einigermaßen gefasst zu ertragen.

Sei in Gedanken fest umarmt
von Deinem Volker und Deiner Dorette