29. November 2010

Lieber Simeon,

seit Tagen liegt Schnee. Nicht viel, nur ein Hauch, wie Puderzucker. Der Friedhof sieht ganz friedlich und hell aus. Die Blumen in Deinem Gärtchen tragen weiße Mützen. Heute Morgen habe ich fünf Walnüsse mitgebracht und sie in eine Efeuschale gelegt. Vielleicht kommen Eichhörnchen oder Krähen und holen sich die Nüsse.
Gestern war meine Freundin Dörte hier, sie ist auch am Grab gewesen.

Ich brauche so sehr die Einsamkeit und kann gar nicht viel mit anderen Leuten zu tun haben. Und dann, wenn ich einsam bin, halte ich es kaum aus und fühle mich verlassen und eingesperrt, wie ein Tiger im Käfig oder wie eine vergessene Gefangene.

Schon Winter! Simeon, wo bist Du?

Nichts ist richtig, seit Du gegangen bist. Nichts fühlt sich richtig an.

Kein Wort reicht aus, kein Gedanke, kein Schrei, kein Weinen. Alles ist nur Ersatz, reicht nicht heran an DAS. Keine Handlung hat Sinn. Es gibt keine Idee, keine Zukunft, die richtig wäre, keinen Plan, kein Vorhaben. Manchmal habe ich Sehnsucht danach, einfach wieder froh zu sein und zu lachen, und ich denke, wie schön es wäre. Mit Dir zusammen. Ich würde nur MIT Dir froh sein wollen. Nur, wenn Du auch froh sein dürftest. Auf der Erde, hier, lebendig.

JETZT!