Gedanken

Gedanken - Das Unfassbare fassen, das Undenkbare denken, das Unsägliche sagen, das Unbeschreibliche beschreiben...

Tastend bewege ich mich in diesem Niemandsland zwischen Leben und Tod. Ohne die Richtung zu kennen, orientierungslos.

So wie sich die Augen an plötzliche Dunkelheit gewöhnen können und allmählich Umrisse wahrnehmen, hoffe ich nach und nach in der Dunkelheit des Schmerzes und der Trauer Lichtpunkte auszumachen. Lernen im Dunkel zu gehen, lernen das innere Licht wiederzufinden...

28. März 2011

Mein geliebter Sohn,
Eine Woche ist seit meinem letzten Brief an Dich vergangen. Die Abstände werden größer. Was bedeutet das? Ich denke nicht seltener an Dich. Du nimmst nicht weniger Raum in meinem Leben ein. Mein Leben ist erfüllt von Dir. Jederzeit. Warum schreibe ich dann weniger?  Wird es mir zu mühsam, alles aufzuschreiben? Werde ich faul und nachlässig? Oder beginne ich zu begreifen, dass Dich „Briefe“ nicht mehr und nicht weniger erreichen als meine Gedanken? Ich habe von Anbeginn mit Dir gesprochen, still - wenn ich unter Menschen, laut - wenn ich unbeobachtet bin: Auf dem Friedhof, auf der einsamen Straße, im Dunkeln, im Wald, im Erpetal…

Gebe ich auf begreifen zu wollen? Beginne ich mich mit einem

„Es ist so, wie es ist, ob wir es begreifen oder nicht.“

zu arrangieren? Nein, niemals, das will ich nie!!! Aber doch: Es ist so, wie es ist, ob wir es begreifen oder nicht!!! Es ist, was es ist. Es ist, was es ist. Es ist, was es ist. Ich laufe dagegen an. Und ich lasse es über mich ergehen. Ohnmacht. Muss diese Ohnmacht erdulden, egal, ob ich sie akzeptiere oder nicht. ES IST. Akzeptieren. Die Ohnmacht. Demütig annehmen.

Demut ist nicht das Schlechteste. In der Demut ist man nichts, ist man so klein, dass der Unterschied zwischen Sein und Nichtsein fast aufgehoben ist. Nichts oder alles. Durchdrungen voneinander. Man ist sich seiner NICHT-Macht bewusst, gibt auf, gibt das Wollen auf, das Trotzen.
In der Demut lässt man die Hoffnung fahren. Löst den Widerstand, der noch im Er-Tragen liegt und beginnt zu tragen. Einfach tragen. Vielleicht nicht mal mehr das: Nur sein. Tragen, bedeutet noch: zwischen „sich selbst“ und der Schwere, der Bürde zu unterscheiden.
Vielleicht öffnen wir unser Herz erst dann ganz, wenn wir still werden, wenn wir unsere Fäuste an den Türen des Todes wund getrommelt haben, wenn die Kräfte brechen, die Stimme zerbirst, wenn wir ermattet sind und die Stille uns aufnimmt. Gib auf, gib auf, sei still und lausche: Ich bin hier, such mich nicht im Jenseits. Das Jenseits ist hier. So wie das Diesseits. Du bist nicht im Leben, ich bin nicht im Tod. Wir sind im Dasein. Beide, immer. Ewig, unser Dasein ist unauslöschlich, denn der Wandel ist unauslöschlich. Leben und Tod sind nur große Jahreszeiten des Wandels, der das Dasein formt.
Du bist da, bist hier, niemals fort und doch für immer fort. Das ist, was nicht begriffen werden kann. Ich darf nicht kleinlich sein: Du bist. Solange ich lebe, lebe ich mit Dir. Du hast Raum in mir. Du bist anwesend, ich höre Dich, ich fühle Dich, ich sehe Dich, ich spüre Dich. Es ist nicht wichtig, ob ich es begreife. Erst recht nicht, ob es andere begreifen. Wie sollen sie denn, wenn sie dies nicht kennen.

Den HERZ-Raum freihalten. Damit Du ungehindert ein- und ausgehen kannst. Lauschen, das Ungewohnte üben: Lauschen, Herzgespräch führen, wortlos, gedankenlos. Bin noch ungeübt: Im Geschrei, im Lärm der Straße, im Alltag der Leute, in der Geschäftigkeit, im Lauten, Festen, Bunten ist es schwerer, Deinem durchsichtigen, stillen, wortlosen, hüllenlosen SEIN zu lauschen. Brauche Stille, brauche Einsamkeit. Übung. Bald, bald kann ich vielleicht auch zwischen die Menschen gehen, lachen, reden, Geschäfte machen, Pläne, Lärm - und lausche dennoch, höre immer Dich, habe Raum für Dich im größten Getöse. Dann wirst Du sein, wo immer Du sein willst. Unverloren.

Niemand soll mir die Einsamkeit ausreden.

 

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