Gedanken

Gedanken - Das Unfassbare fassen, das Undenkbare denken, das Unsägliche sagen, das Unbeschreibliche beschreiben...

Tastend bewege ich mich in diesem Niemandsland zwischen Leben und Tod. Ohne die Richtung zu kennen, orientierungslos.

So wie sich die Augen an plötzliche Dunkelheit gewöhnen können und allmählich Umrisse wahrnehmen, hoffe ich nach und nach in der Dunkelheit des Schmerzes und der Trauer Lichtpunkte auszumachen. Lernen im Dunkel zu gehen, lernen das innere Licht wiederzufinden...

1. März 2011

Mein lieber Simeon,

wenn ich diese Anrede schreibe und überlege, was ich Dir gerne alles mitteilen möchte, dann kommt es mir einen süßen, kurzen Moment so vor, als könnten Dich meine Worte als Brief tatsächlich noch in dieser Welt erreichen. Warum aber schreibe ich Dir, wenn ich doch weiß, dass Du nicht mehr lebst?
Insgeheim habe ich eine Hoffnung, dass nichts verloren geht auf der Welt, die größer ist, als wir je ahnen. Insgeheim habe ich eine Hoffnung, dass Du WEISST, was ich Dir sage, dass meine Gedanken Dich erreichen, auch wenn ich den Weg nicht verfolgen kann, auf dem sie Dich finden.

Gestern Abend stand ich an Deinem Grab und habe gesungen. Leise, nur für Dich. Eine Melodie nach der anderen wuchs aus meinem Mund in die Dunkelheit hinein. Wiegenlieder, Schlaflieder, Liebeslieder? Trostlieder, Schmerzlieder, Hoffnungslieder? Der brüchige, schüchterne Klang war reiner, als meine Worte je hätten sein können. DU HAST VERSTANDEN, ich fühle es.

Ich fühle große Dankbarkeit, dass ich diese wundersame Verbindung zu Dir haben darf.

Wir sehen uns nicht und wissen doch voneinander, wir hören uns nicht und können doch einander lauschen, wir können uns nicht berühren und fühlen uns doch in der Umarmung geborgen.


Fühlst Du dies auch oder ist es meine Illusion? Ich will nicht mehr zweifeln. Ich werde keine BEWEISE finden. Ich kann nur alle Tore meines Geistes öffnen, zulassen, dass alles, was sein kann auch geschehen möge. An mir soll es nicht scheitern. Das ist Aufgabe genug.

Wenn ich nach innen lausche, höre ich Dein Herzelein noch immer schlagen: Bummbumm, bummbumm, bummbumm… und ich muss daran denken, wie es ist, einen kleinen, aus dem Nest gefallenen Vogel in der Hand zu halten und ich denke daran, wie das winzige Herz eines jungen Vogels rast, wenn er in Todesangst ist. Und ich denke an Dein Herz, das klopfte: Bummbumm, bummbumm, bummbumm… ganz ohne Angst. Warm und geborgen. Verletzlich wie ein junger Vogel.
Der Klang Deines Herzens hallt mir in jedem Schritt, den ich noch auf der Erde gehe.

 

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