Gedanken

Gedanken - Das Unfassbare fassen, das Undenkbare denken, das Unsägliche sagen, das Unbeschreibliche beschreiben...

Tastend bewege ich mich in diesem Niemandsland zwischen Leben und Tod. Ohne die Richtung zu kennen, orientierungslos.

So wie sich die Augen an plötzliche Dunkelheit gewöhnen können und allmählich Umrisse wahrnehmen, hoffe ich nach und nach in der Dunkelheit des Schmerzes und der Trauer Lichtpunkte auszumachen. Lernen im Dunkel zu gehen, lernen das innere Licht wiederzufinden...

Müggelsee, 26.Dezember 2010

Sonntag, 26. Dezember 2010

Das erste Weihnachten ohne Dich? Mir tut alles weh Simeon, ich kann innen und außen nicht mehr unterscheiden. Ich kann Seele und Körper nicht mehr unterscheiden. Ich weiß nicht, ob ich ohne Dich bin oder mit Dir? Bist Du nur körperlich abwesend? Bist Du fort, für immer unauffindbar oder nur „vorangegangen“, wie manche es nennen? Bist Du mit Deiner Seele hier, anwesend? Ist alles Einbildung, wenn ich Dich so nah fühle, fühlen will? Ein Trugbild, entworfen, um Linderung zu schaffen.
Ist es die absurde Angst vor dem Vergessen? Ich werde niemals vergessen, Doch was, wenn die Erinnerungen verblassen wie alte Farbfotografien, wie bunte Stoffe in einem langen Sommer? Was, wenn sich die Erinnerungen abschleifen, vom vielen Hervorholen und wieder Verstecken, vom Nach-denken, vom Vor-stellen? Die Bilder werden glatter, Details neu interpretiert, ausgeschmückt oder weggelassen. Erinnerungslücken werden vielleicht mit Einbildungen oder mit Mosaikstückchen aus ähnlichen Begebenheiten geschlossen.
Kann man aushalten, immer wieder zu denken: Ich weiß nicht genau, wie es war, ich weiß es nicht mehr, ich wusste es nie so genau, ich habe es nicht gesehen, ich habe nicht genau zugehört, ich habe es nie genau verstanden, ich habe nicht gefragt, ich habe es nie erfahren…?
Beginnt irgendwann die glättende, beschwichtigende, zur Ruhe bringende Rede, die sich der Wörter „bestimmt“ und „sicherlich“ bedient, um irgendwann, ein vollständigeres, begreifbareres Bild zu malen? Werden die Konturen glatter, verliert das Bild an Tiefe, wird es matt oder einfältig bunt?

Ein lebendiger Mensch ist so vielfältig, facettenreich, unfassbar, unbegreiflich vielgestaltig, wandelbar und unfassbar schön…. Wir können ja keinen Menschen ganz begreifen, erfassen, erkennen, so können wir uns auch an die liebsten Menschen niemals GANZ erinnern. Wir haben sie doch auch niemals GANZ gekannt! Das Bild verschwindet, nach und nach. Wird der Schmerz darüber so grausam wie der Schmerz über den Tod sein? Ich fürchte, ja. Du bist in meinen Gedanken, in meinem Fühlen, in jedem Moment da. Gleichzeitig ist Dein Nicht-mehr-hier-Sein in jeder Minute, jeder Sekunde schneidend scharfe Gewissheit. Wir stehen mit leeren Händen, starren mit leeren Augen, lauschen mit leeren Ohren, suchen Dich und finden doch nur die Leere dort, wo DU sein solltest!

Dieses Weihnachten ist kein Weihnachten OHNE DICH. Ich bin hier in diesen Tagen ganz und gar MIT DIR.
Aber es ist kein Weihnachten mehr. Nein, es ist die Erinnerung daran, dass es früher Weihnachten gab. Die Erinnerung an ein Fest, das wir auf diese oder jene, wechselnde, uns eigene, im Laufe der Jahre sich wandelnde Weise begangen haben.
Hier bei uns ist es in diesem Jahr, das vom Unglück Deines Todes verdunkelt ist, am Weihnachtsabend und danach sehr still. Heute, am 26. Dezember sind wir zur Unglücksstelle gelaufen.
Alles liegt tief im Schnee, dort, wo damals Sommerhitze war, wo das Gras sattgrün schimmerte, wo die Sonne hochstand am Mittag und die Wellen glitzerten, wo sich die Badegäste amüsierten, während ein paar Jungen um Hilfe riefen. Dort, wo niemand ihre Rufe hörte, liegt heute Schnee, dort ist der Himmel weißgrau und die Sonne ist eine matte, silberne Scheibe.

Schnee auf dem gefrorenen See. Unberührter Schnee. Niemand wagt sich aufs Eis. Zu groß die Gefahr, einzubrechen. Die Mess-Station, zu der ihr schwimmen wolltet, ist abgebaut. An ihrer Stelle ragen nur vier rot-weiße Stangen aus dem See. Wird die Station im Frühjahr wieder errichtet? Sicher.

Nichts weist darauf hin, was sich ereignete. Nichts erinnert daran, dass hier ein junges, hoffnungsfrohes Leben grausam endete. Die Spaziergänger: ahnungslos. Weihnachtsspaziergänger. Am selben Ort, in einer anderen Zeit.

 

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