Willkommen auf Erden, Simeon!

Klein, nackt, warm, leise und friedlich kauerst Du auf meinem Bauch. Frisch geschlüpftes kleines Wesen. Ich spüre Dein leichtes Gewicht, berühre Deinen Rücken, Deinen Kopf. Welch ein Wunder! Du bist ganz leise, Du bist da, so bin ich auch da. Noch pulsiert die Nabelschnur. Du atmest, Du bewegst Dich im Rhythmus Deiner ersten Atemzüge. Ein warmes, weiches, lebendiges, atmendes, waches Menschlein! Mit Armen, Beinen, winzigen Fingerlein, Zehen, Nase, Mund. Mit Ohren wie aus Marzipan, so niedlich und schön.
Du bist ein Junge.
Eine Überraschung.
Du schaust Dich um.
Das ist die Welt, hier wirst Du leben!
Und es wird gut sein, verlass Dich drauf!

Du kamst im Kreißsaal Maria Heimsuchung in Berlin Pankow zur Welt. Am 2. November 1991, 15:20 Uhr. Das Licht war gedämpft, die Menschen sprachen leise. Niemand hielt Dich an den Beinen in der Luft. Niemand versuchte Dich zum Schreien zu bringen. Du kamst zur Welt, als es Deine Zeit war und dann lagst Du auf meinem Bauch, dort wo Du hingehörtest nach der langen Reise, und durftest Dich erholen.
Als die Nabelschnur auspulsiert hatte, wurde sie durchtrennt. Da warst Du, geliebter kleiner Mensch, am Anfang Deines Weges auf der Erde.

Nachdem eine Schwester Dich gewaschen und Dir eine Windel umgelegt hatte, kamst Du wieder zu mir. Wir gehörten zusammen. Wir brauchten einander. Du begannst an meiner Brust zu saugen. Kraftvoll, mit geschlossenen Augen! Nach kurzer Zeit warst Du erschöpft und schliefst ein. Ich spürte Deine Zerbrechlichkeit, Deine Zartheit, Weichheit, Dein warmes, duftendes, wunderbares, gerade erst begonnenes Leben. Ich erinnere mich heute an Deinen Blick. Du schautest wie von weither: Ernst und wissend. Ist das der Blick der Seele, die schaut, bevor das „Ich“ mit seinen vielen Fragen und seinem großen Staunen erwacht?

Das war am Sonnabend, dem 2. November 1991 gegen 15:20 Uhr.
Bald schon besuchten und bestaunten Dich Dein Vater und Dein großer Bruder David, der ganz stolz auf seinen winzigen Bruder war.