...ist das Wichtigste im Leben. In einem anderen Augenblick wird etwas anderes das Wichtigste sein.

Frankreich, Sommer 2001

Dieses Foto steht in meinem Arbeitszimmer auf einem Tischchen vor einem Topf mit Vergissmeinnicht. Beim Betrachten erinnerte ich mich, wie zart es sich anfühlte, Dich im Arm zu halten, als Du 9 oder 10 warst.
Ich sehe das Bild an. Es zeigt Dich, wie Du in einer flachen, öden Landschaft in der Nähe des Antlantik vor unserem kleinen Sturmkocher, dem „Trangia“ hockst und den Inhalt einer Suppentüte aufmerksam ins kochende Wasser rührst. Ganz offensichtlich hast Du es als Deine Aufgabe gesehen, das Essen zuzubereiten. Nur das ist für Dich wichtig in diesem Moment. Du hockst in Sandalen, mit nackten Knien und T-Shirt vor der Kochstelle. Die Abendsonne schickt noch ein paar golden warme Strahlen auf Dich nieder. Schon ersteht vor meinem inneren Auge jeder Zentimeter Deiner Gestalt, ich rieche Deine Haut, sehe jedes winzige Muttermal, jedes Härchen auf Deinen Armen, Deinen Beinen, fühle die schmächtige Rundung Deines Rückens und die spitzen, zarten Wirbel Deines Rückgrats. Deine schöne, ausgeprägte Kopfform ist deutlich sichtbar unter Deinem kurzen Haar, Du schaust ernst und konzentriert.
Dieses Bild zeigt mir etwas, dass über uns alle hinaus geht: Eine uralte Handlung:
Ein Kind, hockt vor einer Feuerstelle und bereitet das Essen. Es vollführt die Handgriffe, die es zuvor bei den Älteren beobachtet hat, es fühlt sich in diesem Augenblick für alles verantwortlich: Für das Feuer, für die verwendeten Zutaten, für die richtige Zubereitung, für das ganze Gelingen. Welche Konzentration, Ernsthaftigkeit und Selbstverständlichkeit in dieser kleinen Handlung liegen! Ein Kind übt, was es später allein verantwortlich tun wird: Für sich und für andere zu sorgen.
Ich erinnere mich, wie oft ich Dich im Arm hatte, Deinen Kopf streichelte, mit den Fingern über Deinen zarten Nacken strich. Dort im Nacken hattest Du eine tiefe, warme Grube zwischen den beiden starken, doch sehr schmalen Halsmuskeln im Genick. Diese Stelle war für mich ein Ort der Schönheit und Grazie. Dort sog ich den Duft Deiner Kindheit ein. Ein kleines Nest aus Wärme, Unschuld, Zuversicht, Zartheit und künftiger Stärke! Deine feinen hellbraunen Haare kitzelten meine Nase, ich spürte die Weichheit Deiner zarten Haut an meiner Wange. Und der Duft der Kindheit: Wie Butterbrötchen und Sonne!  Dein schmales, kluges Köpfchen, Deine Liebe, Dein Wissensdurst  - all Dein Sein und Werden lag in meinen Armen! Dein Haar verströmte noch die Wärme des Sommertages. Du warst so jung! Ein Kind! Voller Zukunft!