Leben

LEBEN

Dieses wunderbare Geschenk, das wir für selbstverständlich halten. Leben, Leben, nichts als Leben ist, was zählt.

Alles ist möglich, solange Du lebst, alles verspielt, jede Chance vertan, wenn das Leben verloren.

Ach, wir kennen ja nur das Leben und diese schöne Welt!

Leben ist wachsen, entwickeln, reifen, sich irren und lernen, genießen, sich mühen, verschwenden und darben. Gewinnen und verlieren, immer wieder von vorn beginnen. Glück und Unglück. Und Zeit, Zeit, Zeit.

Wehe, wem keine mehr Zeit zum Leben bleibt.

 

 

Sommer 2002 in Lubiewo, Masuren Einige Male haben wir am Feldrain übernachtet.

Später kamen wir durch das Dorf Lubiewo. Auf der Karte war ein See verzeichnet, wir wollten am Ufer des Sees unser Zelt aufbauen. Also fuhren wir wieder links einen Feldweg hinein in Richtung See. Als wir weit genug waren, stiegen wir aus und suchten zu Fuß den See. Er lag unweit der Stelle,an der wir gehalten hatten. Wir mussten den Hügel hinab, durch Dickicht und Gestrüpp, das Ufer war sumpfig und zum Zelten ungeeignet. Wir hätten unsere Sachen weit schleppen müssen und uns gruselte davor, unten am See, umringt von dunklen Bäumen, die Nacht zu verbringen.

Wir gingen zurück und ich beschloss in einem Gehöft zu fragen, ob wir am Feldrand ein Zelt aufschlagen dürften. Uns kam, kurz bevor wir den ersten Hof erreichten, eine Bäuerin entgegen, die ich fragen konnte. Sie sagte: Ja, kommen Sie mit, kommen Sie mit! Ich zeige Ihnen. Obwohl wir ablehnten, bestand sie darauf, dass wir unser Zelt in ihrem Hof auf der Wiese aufschlugen.

 

 

Die Bäuerin mit ihrem Enkel Bartek und dem kleinen HundWieder so freundliche Leute! 
Wir aßen gemeinsam am großen roh gezimmerten Gartentisch im Freien, saßen auf den Bretterbänken in der Sonne und erzählten, aßen und tranken Unmengen Kaffee. Die Frau liebte Kaffee und trank bestimmt einen Liter davon zum Frühstück. Sie erzählte und fragte und war offensichtlich sehr froh darüber, Gesellschaft zu haben. Wir sind später im Ort einkaufen gewesen, weil wir den Leuten nicht alles wegessen wollten, haben wir viel mehr gekauft, als wir brauchten und haben es mit auf den Tische gelegt, aber sie haben es nicht genommen, nur immer uns gedrängt, ihre Sachen zu essen. Vielleicht habe ich etwas falsch gemacht? Gehört dieses Gebaren zur Gastfreundschaft und man muss mehr drängen? Keine Ahnung.  Sie hatten einen kleinen schwarzen Hund, der gerade  junge Welpen hatte. Du fandest die Welpen so niedlich und wolltest am liebsten einen mitnehmen.

Die Frau hatte zwei Enkel, einer hieß Bartek. Wir haben ein Foto von der Frau, mit Bartek und einem der Welpen. Ich lege es auch dazu. Nun brauche ich Dir gar nicht zu sagen, dass ich auch diese Fotos niemals verschickt habe?

 

Sommer 2003, auf dem Bauernhof in Lubiewo

Regen in Mikolajki

Masuren 2003Weißt Du noch:

In Mikolajki  goss der Himmel den Regen über uns aus, wir rannten, so schnell wir konnten auf den Markt unter die Arkaden um uns zu schützen. Wir konnten nicht mehr erkennen, was zwei Meter vor uns war, das Wasser bildete eine Wand vor unseren Augen. Warmer, starker Sommerregen. Nach einer Stunde kam die Sonne wieder heraus und wir fuhren  zurück zum Zelt. Es stand und hatte sogar dicht gehalten. Auf den weiten Wiesen hinter dem Bauernhof war alles voller Mohn, Kornblumen, Getreide und vieler kleiner bunter Blüten. Wir kannten die Namen gar nicht. Die Störche liefen umher, flogen ab und landeten, und es schien, dass wir sie gar nicht störten.  Einmal standen wir mitten auf so einem Feld.  Wenn wir zur einen Seite in den Himmel sahen, war es ein jubilierender, heißer Sommernachmittag, wenn wir uns umdrehten sahen wir dramatische Wolken im graublauen Himmel, tiefdüstere Schatten lagen über das Feld gebreitet. Nur die Mohnblumen leuchteten noch stärker in ihrem Rot gegen das Dunkel.

 

 

 

Zu Hause in Berlin habe ich das Folgende aufgeschrieben, und wer das nicht erlebt hat, denkt: Wie kann man so etwas Belangloses aufschreiben?  Wir waren sicher, dass die Welt wunderbar und voller Überraschungen ist, das sie ganz einfach ist und gar nicht viel passieren muss. Es ist, wie es ist und ist schon ein Wunder.

Mohnblumen, Kornblumen, Wiese

bis zum Himmel.

Rot, blau, grün, blau.

Ein bisschen gelb, ein bisschen weiß.

In diesem Moment

ist das die ganze Welt.

Drehst Du Dich um, siehst du die Rückseite der Welt.

Glaubst Du,  man kann es erzählen?

Wenn Du Dein Herz öffnest, trägt der Wind die Geschichten zu Dir.

Niemand muss nach Worten suchen.

 

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