Leben

LEBEN

Dieses wunderbare Geschenk, das wir für selbstverständlich halten. Leben, Leben, nichts als Leben ist, was zählt.

Alles ist möglich, solange Du lebst, alles verspielt, jede Chance vertan, wenn das Leben verloren.

Ach, wir kennen ja nur das Leben und diese schöne Welt!

Leben ist wachsen, entwickeln, reifen, sich irren und lernen, genießen, sich mühen, verschwenden und darben. Gewinnen und verlieren, immer wieder von vorn beginnen. Glück und Unglück. Und Zeit, Zeit, Zeit.

Wehe, wem keine mehr Zeit zum Leben bleibt.

 

Ahornlaub in der Ahornallee, 2. November 2010

29. Oktober 2010

Mein lieber Sohn Simeon,
Vor fast 19 Jahren wurdest Du geboren. An einem Sonnabend. Der Herbst hatte goldene Blätter, hier jetzt ist wieder Herbst. Es ist der erste Herbst ohne Dich.

4. November 2010

Am 2. November, vor zwei Tagen, hattest Du Geburtstag.
Jetzt bist Du 19 Jahre alt.

Wir haben uns zu Deinen Geburtstag alle versammelt und haben um Dich geweint. Wir sind dankbar, dass wir mit Dir leben durften, wir haben Deinen Geburtstag gefeiert.
Auch wenn Du nicht mehr in Deiner Gestalt anwesend sein konntest, warst Du doch ganz und gar mit uns.

In den letzten Tagen lag auf den Wegen im Friedhof ein goldener Teppich. Die dunkelgrünen Büsche, Tuja, Bux, Stechapfel und andere waren geschmückt mit goldenem Blätterschmuck. Die kleinen Tannen sahen wie Weihnachtsbäume aus. Nur die Ahornbäume ragen nun ihre Äste nackt und bloß in den Himmel. Sie haben ihr Gold abgeworfen. Alles losgelassen, was sie über das Jahr hervorgebracht haben.
Ich konnte es nicht fotografieren. Nein, ich bringe es noch nicht fertig!

Herbst 2006Die Blätter in der Ahornallee.
Herbst heißt durch Blätter rascheln. Was für glückliche Jahre, mein Kleiner!
Hier haben wir aufgeatmet, wir haben Kraft gesammelt, hier konnten wir unser Leben genießen, mein Kleiner. Du und ich, wir haben uns ein schönes  Zuhause gebaut, oh war das eine gemütliche Zeit! Wir sind am See spazieren gegangen, durchs Dickicht gestreift am kleinen Flüsschen entlang, wir kamen uns vor, wie im Dschungel und die Pflanzen überragten uns. Hummeln und Grillen, ein Reiher, der immer nur einige Meter vor uns aufflog, um sich ein Stück weiter vorn niederzulassen, bis wir ganz nah waren, um dann wieder aufzufliegen.

Brombeeren sammeln im Sommer, Du und ich und Struppi auf der Wiese, die so gelb und trocken ist, wie eine Steppe.  Wir haben zerkratzte Beine von den Dornen und die Fingerspitzen färben sich dunkelrot von den Brombeeren. Schlittschuhlaufen auf dem Müggelsee. Rote Nasen, der Atem dampft in die kalte Winterluft hinaus. Weiter, weiter hinaus, über den See, die Sonne glitzert auf der dünnen Schneedecke des Sees. Darunter: Dickes Eis. Wir laufen über den See. Am anderen Ufer trinken wir heißen Tee.


Unser gemütliches Zuhause. Im Garten wuchsen unsere Blumen, die Wiese, der kleine Garten. Du hast die Begrenzung für unsere Beete gebaut: Erst hast Du mit dem Spaten eine schmale Rinne ausgehoben, dann die alten Mauersteine senkrecht neben einander hineingesetzt. Zum Schluss hast Du die Zwischenräume mit Erde gefüllt und alles schön befestigt. So ist es und so bleibt es. Darin wachsen Blumen und Kräuter. Wir haben unsere Mahlzeiten mit den Kräutern aus dem Garten gewürzt. Du kanntest Salbei, Rosmarin, Thymian, Oregano und Lavendel und natürlich Pfefferminze und Melisse.
Im Sommer frühstückten wir 6:30 Uhr auf Deinem Balkon, bevor Du zur Schule aufbrechen musstest: Ein Frühstück wie im Urlaub, die Morgensonne streichelte uns und wir waren uns des Glückes sehr bewusst.

Ach Dein Lächeln! Deine Freude! Und meine.

Hier stehen die Ahornbäume und zaubern jedes Jahr ihre rotgoldenes Schauspiel. Noch nie waren die Bäume so golden. Du bist nicht fort, Simeon. Du bist bei mir, auch wenn wir uns nicht mehr sehen, nicht mehr halten, wenn ich Deine Stimme nur noch in Gedanken hören, Dein Haar nur in meiner Vorstellung streicheln kann. Du bist da, bei mir. Mit mir verbunden. Ich verlasse Dich nicht.

 

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