Anthony als amerikanischer Austausch-Schüler in Berlin, 2011 und Simeon als deutscher Austausch-Schüler in New York, 2008

1. Juli 2011

Mein lieber Sohn,

vorgestern habe ich im Internet gelesen, dass am Dienstag ein 16-jähriger Junge, der für zwei Wochen als Austauschschüler aus den USA in Berlin war, im Schlachtensee ertrunken ist. Simeon, wie sich die Berichte ähneln! Sie waren zu dritt. Die Jugendlichen hatten vor, den See zu überqueren, plötzlich wollte einer zurück… als sich die anderen wieder umschauten, war der Junge weg…
Erst am Nachmittag des nächsten Tages hat die Polizei den ertrunkenen Jungen gefunden.

Was diese armen Eltern durchmachen jetzt, Simeon, ich kann es fühlen! Werden sie sich Vorwürfe machen, dass sie ihn auf die weite Reise nach Deutschland gehen ließen? Triffst du diesen Jungen jetzt? Werdet Ihr nun immer englisch quasseln, ihr beiden? Wirst Du ihm sagen, hey, komm Kleiner, das fühlt sich nur am Anfang so schrecklich an, eigentlich ist hier alles ziemlich cool… ? Tröstest Du ihn ein bisschen? Oder werdet Ihr beide viele Tränen weinen, weil Ihr nie mehr zurückkommen könnt in Eurer Gestalt, die Ihr hattet, als die, die Ihr wart? Zu denen, die Euch so vermissen.

Inzwischen habe ich den Namen des Jungen im Internet gefunden: Anthony Radze aus Manchester, Michigan... Sein Onkel berichtet, dass Anthony sich diese Reise so gewünscht hat. Er war im Deutschkurs in der High School. Er hat für den Trip gespart und sogar neben der Schule Gelegenheitsjobs angenommen, um Geld für die Reise zu verdienen! Er war voller Hoffnungen, voller Erwartungen und Neugier. Wie Du! Er war 16. Im kommenden Jahr würde er seinen High School Abschluss machen...

Das folgende Gedicht hat mir Gabi heute geschickt. Sie ist erschüttert von der Nachricht über den Jungen. Wir wissen, wie es sich anfühlt, Simeon. Wir können mitfühlen, was man sonst nie und nimmer erahnen kann.

– No era nadie. El agua. – ¿Nadie?...
– No era nadie. El agua. – ¿Nadie?
¿Que no es nadie el agua? – No
hay nadie. Es la flor. ¿No hay nadie?
Pero ¿no es nadie la flor?
– No hay nadie. Era el viento. – ¿Nadie?
¿No es el viento nadie? – No
hay nadie. Ilusión. – ¿No hay nadie?
¿Y no es nadie la ilusión?

Juan Ramón Jiménez


– Niemand war's. Das Wasser. – Niemand?...
– Niemand war's. Das Wasser. – Niemand?
Ist das Wasser denn niemand? – Es
ist niemand da. Die Blume ist es. Niemand ist da?
Aber ist die Blume niemand?
– Niemand ist da. Es war der Wind. – Niemand?
Ist der Wind denn niemand? – Es ist
niemand da. Illusion. – Niemand ist da?
Ist die Illusion denn niemand?

Juan Ramón Jiménez

Aus: Diez Siglos de Poesía Castellana, Selección de Vicente Gaos, Madrid: Alianza Editorial 1975.
Copyright © der Übersetzung: Johannes Beilharz 2004/2006.
(http://www.beilharz.com/poetas/jimenez/)

Simeon auf der Klassenfahrt, 2008 und Anthony (Das Bild habe ich im Internet gefunden.)

 

Trauer...

Die Kerzen leuchten für Euch Tag und Nacht.