Lieber Simeon,

wir haben Dich nicht noch einmal sehen können.

Am Mittwoch, dem 28. Juli benachrichtigen uns die Leute aus der Bestattungsfirma, dass Dein Körper  freigegeben wurde. Wir vereinbaren, dass wir am Freitagnachmittag von Deinem Körper Abschied nehmen können. Ich suche am Donnerstag  Sachen für Dich zusammen. Ich gehe an Deinen Schrank und sehe mir Deine T-Shirts an. Ich nehme jedes Einzelne heraus, in jedem sehe ich Dich gleich vor mir.  Wie soll ich mich entscheiden, ich liebe Dich immer, egal in welchem Shirt. Ich möchte, dass Du alle anziehst, jeden Tag ein anderes, ein Leben lang, ein GANZES, langes Leben lang, von jetzt bis lange nachdem ich gestorben bin.
Schuhe brauchst du nicht, haben sie gesagt. Warum nicht? Für eine lange Reise braucht man gute Schuhe. Sie wollen, dass Du nicht mehr aufstehen kannst. Sie denken, dass Du sowieso nicht mehr laufen wirst. Ja. Ich weiß.
Als ich endlich alles zusammengesucht habe und von der Gedanken-Fühl-und-Trauerarbeit innerlich zermalmt  bin, bekommen wir die Mitteilung, dass sie Dir keine eigenen Sachen mehr anziehen können.  Dein Körper ist durch die zwei Tage im Wasser und durch die Obduktion zu sehr zerstört...

Der Termin zum Abschied nehmen bleibt bestehen: Freitag , 29. Juli 15:00 Uhr.
Einige Zeit später bekommen wir wieder einen Anruf mit der Frage, ob wir wirklich darauf bestehen, Dich noch einmal zu sehen. Ja. Man empfiehlt uns dringend, darauf zu verzichten, da der Schock zu groß sein könnte. Wahrscheinlich verstehen sie nicht, wie wichtig es ist, von Deinem Körper Abschied zu nehmen und dabei zu verstehen, dass Du nicht mehr an Deinen Körper gebunden bist. Zu begreifen, dass Du es nicht  mehr bist, der da verbrannt und  begraben werden soll. Aber auch zu begreifen, dass wirklich Du der ertrunkene Junge vom Müggelsee bist, der nie mehr nach Hause kommen wird.

Wir telefonieren mit dem Seelsorger. Er will uns keine Ratschläge geben und lässt die Entscheidung bei uns. Eine Stunde später etwa meldet er sich telefonisch zurück. Der Seelsorger hat inzwischen beim Bestattungsunternehmen über den Zustand Deines Körpers informiert, darauf bittet er uns auf die „Besichtigung“ unbedingt zu verzichten. Er erzählt, dass er selbst einen Jungen im Alter von 16 Jahren verloren hat, dass auch er seinen Sohn unbedingt noch ein letztes Mal sehen wollte. Er sagt, das Erlebnis lege sich über jede Erinnerung. Wir hören das, doch ich bin nicht überzeugt. Mir ist es wirklich wichtig und ich denke, ich sollte mich nicht abschrecken lassen. Der Tod ist schrecklich, Dein Tod meines Kindes ist das Schrecklichste, was es für mich geben kann. Es geht nicht darum, ob es für mich „schlimm“ ist. Dieser Tod ist das Schlimmste. Was kann noch passieren?

Am nächsten Morgen bringe ich die Seidenstoffe für Ausgestaltung der Kapelle zu den Bestattern. Die Seniorchefin ist da und spricht mit uns. Sie fleht mich fast an, nicht zu Dir zu gehen. Sie hat Tränen in den Augen und sagt, es sei so schrecklich, dass sie es nicht einmal fertig gebracht haben, Fotos zu machen. Ich frage nach, weil ich wenigstens wissen will, wie Du jetzt aussiehst. Ich will alles wissen. Ich habe Dich zuletzt fröhlich, gesund und braungebrannt gesehen, mit lustigen Augen und braunen, glänzenden Locken.
Sie sagt es mir, ich glaube ihr. Über die Wunden von der Obduktion sagt sie nichts.

Bevor Dein Körper nach Meissen ins Krematorium überführt wurde, habe ich Dir einen langen Brief geschrieben und in einen zart violetten Umschlag gesteckt.
Ich habe Dir im Garten die schönsten Blumen gepflückt, es ist ein bunter, ländlicher Sommerstrauß geworden, mit weißen Hortensien und  unseren gelben Bauernblumen, die überall im Garten wachsen, den kleinen violetten Blumen und Gräsern. Mit Lavendel und Rosmarin und allen Kräutern aus dem Garten. Alles zusammengebunden mit einem Streifen aus weißem Tüll. Diese Dinge wurden Dir in den Sarg gelegt und sollten Dich auf Deiner Reise begleiten.
Dich oder Deinen Körper oder beide. Was wissen wir schon!

Ich habe Dich nicht mehr gesehen. Ich werde Dich nie wieder sehen.