Lieber Simeon,

Inzwischen sind die Karten geschrieben und verschickt. Todesanzeigen. Wir haben viele Adressen gesammelt, fast alle EU-Schüler, einige aus Deinem derzeitigen Kurs der 12. Klasse, ein paar aus Deiner alten Klasse vom Linus-Pauling-Gymnasium: Jan, Tim, Johanna, Theo natürlich. Unsere gemeinsamen Freunde und Bekannten, alle die Dich kennen und mögen. Wir mussten jede Karte unterschreiben, auf den Umschlag ordentlich die Adresse und den Absender schreiben und Briefmarken kleben, einfache Dinge, könnte man meinen. Für uns war jeder Brief ein erneutes Erkennen des Unausweichlichen. Ich hatte lange überlegt, ob ich alle Deine Freunde und Klassenkameraden einladen soll, ob ich alle, die Dich kannten, einladen soll. Wir haben uns dafür entschieden, mit der Familie, unseren engsten gemeinsamen Freunde und Deinen ältesten Freunden zusammen Abschied zu nehmen.

Was heißt „ABSCHIED NEHMEN“? Du bleibst da, Du gehst nicht fort, Dein Körper ist gegangen. Ich rede mit Dir, ich schreibe Dir, Du verstehst mich, Du hörst mich! Ich liebe Dich, Simeon. Ich lasse Dich nicht FORT gehen.

Wir reden: Jetzt liegt Simeons Asche in einer schwarzen Aschekapsel in einer weißen Urne mit einem blauen Stein und einem goldenen Deckel. So reden wir von Dir. Simeons Asche ist in einer Urne. Glaub mir, wir verstehen kein Wort von dem, was wir da sagen, was wir mühevoll lernen zu sagen, zu denken, zu fühlen, zu begreifen.

Manchmal denkt mein Gehirn ohne mich. Es denkt: Du liegst auf dem Grund des Sees. Oder: Du gehst los zum Baden, mit Flipflops, Badehose mit Hawaii-Muster und T-Shirt. In Deiner umsichtigen Art, hast du mir den Schlüssel von innen ins Schloss gesteckt, damit ich ihn gleich fände. Vorher hattest du gesagt: Ich muss mich beeilen, tschüss Mami! Und das sollte bedeuten, dass Du bald wieder kommen und dass Du klingeln würdest, weil Du ohne Schlüssel losgegangen bist. Und das bedeutete, dass Du unendliches, unschuldiges Vertrauen ins Dasein hattest.