Lieber Simeon,

Was soll ich Dir von der Trauerfeier erzählen, Du weißt es ja selbst, Du warst dabei!
Nein, ich werde versuchen es Dir zu erzählen, obwohl ich alles nur durch einen Schleier aus Anspannung und dem Gefühl der Unwirklichkeit erlebt habe.
Die Bestatterin sammelte die Blumen der Trauergäste ein. Inzwischen waren die Gäste auf dem Friedhof eingetroffen. Wie von weither erklang die geheimnisvolle irische Musik von Barbara, die Türen zur Kapelle wurden weit geöffnet, Frank und ich gingen zuerst hinein, alle anderen folgten uns. Ich hatte Angst und ich wusste, es ist der absurdeste und falscheste Gang meines Lebens. Ein Gang, den man mit ordentlicher Kleidung, geputzten Schuhen, feierlicher Haltung, in gemessenem Schritttempo, so wie es Tradition und gesellschaftlichen Norm vorschreiben, absolviert. Dabei sind leises Weinen und traurige Blicke erlaubt. Was aber, wenn man laut aufschreien würde, sich windend, widerwillig und strauchelnd dahin bewegen würde?
Nein, nein, rufen, ich will nicht, es soll nicht sein, es ist nicht wahr. Du sollst leben!!!  Ich bin nicht die Mutter, Du bist nicht der Sohn – denen dies geschehen ist! LASS UNS LEBEN – LASS UNS WEITERLEBEN, DICH, DICH, DICH, MICH UND UNS ALLE!!!!!


Wir schritten langsam in die Kapelle. Unser Blick war auf den blumenbedeckten Katafalk, dann auf den dahinterstehenden Urnentisch mit der bekränzten Urne gerichtet.
Dort soll DEINE Asche drinnen sein. Die Asche Deines Körpers. Der Rest Deines Seins. Simeon! Ich liebe Dich! WO BIST DU!!!!!!!!!

Rechts und links des Katafalks auf leuchtend blauem Grund standen je 18 Lichter auf dem Boden. Achtzehn, weil Du so jung bist. Zwei Mal Achtzehn! Zusammen 36. Weil ich die 36 Gerechten dieser Welt anrufe, Deinen Tod nicht zuzulassen. Doch davon habe ich niemandem erzählt. Das wissen nur wir beide. Du und ich. Ich weiß, dass sie nichts tun können. Nichts MEHR tun können. Einer von ihnen hätte da sein sollen, Dich über das Wasser zu tragen.