13. Dezember 2010

Lieber Simeon,

Gestern war ein internationaler Gedenktag für die verstorbenen Kinder.
Frank und ich sind zu einem Gedenkgottesdienst in die Marienkirche am Alex gegangen. Ich musste schon  gleich bei Eintreten weinen, als mir eine Frau einen Zettel hinhielt, auf den ich Deinen Namen, Dein Sterbedatum und Dein Alter schreiben sollte. Die Kirche wurde voll fast bis auf den letzten Platz. Ein Saxophonist spielte Solo. Der Pfarrer hob zu einer Ansprache an, von der ich kaum ein Wort verstand, obwohl wir in der zweiten Reihe saßen. Gabriele Gérard, die Mutter von Florian, hat aus ihrem Buch gelesen. Sie hat einen Brief von Florian vorgelesen. Auch das war sehr leise, denn es hallte in der Kirche und der Hall überdeckte ihre zarte Stimme.

Ein afrikanischer Chor sang á Capella. Da es fast die erste Musik war, die ich seitdem Unglück im Juli hörte, überschwemmte mich sofort der Schmerz, als hätten die menschlichen Stimmen, die da zu singen anhoben, in mir alle Schleusen geöffnet. Dann wurden von drei Frauen die Namen all der Kinder verlesen, deren Eltern in der Kirche anwesend waren, und die ihre Zettel ausgefüllt hatten. Namen von Kindern, die gestorben sind. Du wurdest gleich als zweiter genannt:

SIMEON STOJANOV gestorben am 22. Juli 2010, im Alter von 18 Jahren.

Ich konnte es nicht fassen, dies zu hören, dabei hatte ich es doch selbst auf den Zettel geschrieben.

Ich zündete am Altar eine Kerze für Dich an. Frank hob einen Stein auf und nahm ihn für Dich mit. Es lagen viele Steine dort für die verstorbenen Kinder, jeder der mochte, konnte sich einen aussuchen und mit nach Hause nehmen. Frank nahm den Schönsten: einen sehr flachen, rötlichen kleinen Stein. Wir fuhren nach Hause, dort habe ich in Deinem Zimmer und im Wohnzimmer eine Kerze ins Fenster gestellt. So ist es Brauch am Weltgedenktag für die verstorbenen Kinder: Überall auf der Welt stellen die Eltern verstorbener Kinder genau 19:00 Uhr eine brennende Kerze ins Fenster. So geht ein Band des Kerzenlichts um die Welt… Zumindest ist es so gedacht…