Tod

Lieber Simeon,
Ich las vor einigen Tagen in einem Buch von Sogyal Rinpoche. Er ist ein berühmter Buddhist aus Tibet. Er beschreibt und erklärt darin die Weisheiten, Einsichten und Lehren des Tibetischen Totenbuchs, das ich noch nie gelesen habe. Ich war immer davor zurückgeschreckt, weil ich es für sehr schwer zu verstehen hielt. So ist es sicher auch.

Sogyal  Rinpoche beschreibt darin unter anderem wie man Sterbenden und selbst Gestorbenen noch helfen kann, den Übergang in den Tod, das Sein im Tod und, wie er meint, den Übergang in ein neues Leben zu erleichtern.  Wenn ich mich an die Minuten, Stunden, Tage erinnere – die Zeit unseres furchtbaren Unglücks, wenn ich an die Zeit denke, die auf dieses unvorstellbare, unsägliche Ereignis folgte, so möchte ich aus der Vorstellung, dass man einem Sterbenden helfen kann etwas Trost schöpfen.

In der Stunde Deines Sterbens habe ich intensiv an Dich gedacht, ohne zu ahnen, was Dir widerfuhr und welche Not Du leiden musstest. Ich habe von Dir gesprochen, glücklich und voller Stolz. Ich habe Dich gelobt und gepriesen, habe von Dir geschwärmt und erzählt, was wir beide zusammen vorhatten. Ich erzählte, was für ein prächtiger Junge Du bist und man konnte merken, wie ich lieb ich Dich habe! Und ich weiß, Du warst an diesem Morgen und am Abend zuvor so glücklich und zufrieden mit Deinem Leben.

Mögest Du auch bis zu den letzten Momenten Deines Lebens so froh gewesen sein.

An diesem verheißungsvollen schönen Sommertag. Ich hoffe, bete und bitte, dass Dich die Angst vor dem Sterben und der Schrecken des Ereignisses noch in letzter Sekunde wieder verlassen haben und dass Du mit Frieden in der Seele, mit Leichtigkeit und Zuversicht, mit Vertrauen und Liebe Deine Reise ins Ungewisse, Unbekannte, in das wahre Geheimnis der Welt antreten konntest. Vielleicht sogar mit Staunen? Vielleicht ist es ja wirklich die einzige Reise nach Hause, die wir alle unternehmen müssen, unternehmen dürfen.

Möge es Deine Reise nach Hause gewesen sein. Mögest Du nun zu Hause in Frieden und Seligkeit sein. Geborgen und angekommen.

Mögen meine Wünsche und Segnungen, mein Beten und Flehen, all meine Gedanken Dich erreicht haben. Mögen meine Liebe und mein innigstes Bei-Dir-Sein, mein Geist, meine Verbundenheit Dich getragen und begleitet haben in diesem Moment und in den Stunden, Tagen, Wochen die Deinem Tod folgten. Möge alles wirken, um Deinen Weg zu einem leichten, frohen Weg werden zu lassen. All mein Beten zu Dir! All meine Liebe.

Magnolienbaum in der Ahornallee

 

Seite 5 von 18