Tod

Ich führe ein Tagebuch. Ein Tagebuch über den Tod. Über das Nichtsein und mein Leben mit Deinem Nichtsein.
Nicht hier sein.
Nicht mehr hier sein.
Nie wieder hier sein.
Nimmer mehr.

Nimmer mehr.

So steht es in Märchen.
Dieses nimmer mehr ließ mich als kleines Mädchen erschaudern und eine Ahnung beschlich mich, eine Ahnung von Unendlichkeit und Bodenlosigkeit.
Von ewiger Dunkelheit und dunkler Ewigkeit.

10. März 2011

Geliebter Sohn,
ich dürfte nicht jammern, ich dürfte Dir all das nicht schreiben. Ich darf Dein so leichtes, so durchsichtiges, luftiges Sein nicht mit Erdenschwere herunterziehen und erdrücken. Wohin soll ich meine Klage richten. Wohin soll ich schreien.

Die Luft verliert ihre schneidende Winterschärfe. Seit Tagen scheint die Sonne am Morgen in Dein Zimmer und ins Arbeitszimmer. Seit Tagen sind die Nachmittage hell und lauwarm. Gestern habe ich von Deinem Grab das Tannengrün entfernt. Ich wollte dieses „Weihnachts“-Zeug nicht mehr sehen, wollte wissen, ob sich schon die ersten Blättchen der Frühlingsblumen zeigen, deren Zwiebeln ich im Herbst in die Erde gegraben habe. Ja, sie kommen, nach und nach. Und mit der Ahnung von Frühling werde ich dunkler und dunkler. Ich habe keinen Mut, ich habe keine Zukunft, keine Idee, keinen Plan. Ich habe keine Aufgabe und keine Sinn. Ich weiß, Möni, eigentlich werden die meisten Menschen nicht gebraucht, jeder ist entbehrlich. Und man muss sich seine Aufgaben selbst schaffen und stellen. Aber ich habe kein Ziel und keine Perspektive, nichts, was mich antreibt, nichts, für das ich leben will. Nichts. Keinen Mut, keine Kraft, keine Lust, keine Angst. Nur Schmerz, unendliches Weh.

14. März 2011

Vor einem Jahr war Sonntag. Geburtstag. Mein Geburtstag. Ihr wart alle mit mir. Die ganze Familie, einige Freunde. Ein heller Tag. Du hast gelacht! Du warst da! Du hast mir bei den Vorbereiteungen geholfen. Du hast den Tisch gedeckt, aufgetragen. Du warst da mit Deinem Lächeln, mit Deiner schönen Gestalt, mit Deinem freundlichen Wesen. Und David war da, und Berit. Ihr, meine beiden großen Söhne! David und Simeon. Wie schön das klingt! Nachmittags begann es heftig in großen Flocken zu schneien. Wie schön das aussah. Ihr habt mir die Reise geschenkt, die ich dann im September mit Tränen und Verzweiflung um Deinetwillen unternommen habe. Der Urlaub wurde zur Pilgerreise. Schwerer Weg: Hin zu Dir in Deiner fremden, neuen Form. Oder gibt uns der Tod unsere uralte Form, unsere WIRKLICHE Form zurück? Dann ist unsere irdische Gestalt nur ein geliehenes Kleid, dass wir auf dem Fest des Lebens tragen dürfen.

15. März 2011

Keinen Mut, keine Kraft, keine Lust, keine Angst. Nur Schmerz, unendliches Weh.
Aber das darf man nicht sagen, oder? Ja, Du hast recht: Es ist nur die EINE Seite.
Die andere Seite ist, dass ich mich jeden Tag daran erinnere und darin bestärke, aus dem Leben keine dunkle Grube zu machen, sondern Liebe und Zuversicht zu säen, der Dankbarkeit und Liebe Raum zu geben und sie zu nähren.

Das Helle und Freundliche, das Leichte, den Frühling, den Himmel, den Duft der Erde und die ersten grünen Halme…, ich muss alles in mein Herz einlassen.

Wir haben es immer geliebt, Du hast es geliebt. Dir war es so selbstverständlich, wie jeder neue Tag und wie die Aussicht auf ein erfülltes, langes, duftend blühendes Leben.
Vor einigen Tagen hat jemand ein aus Weidenruten geflochtenes Herz, in das Blumen gepflanzt waren, von Deinem Grab gestohlen. Ich wollte es bald für den Frühling mit Vergissmeinnicht und Primeln bepflanzen. Nun ist es fort. Ich war so traurig darüber. Es lag immer genau an dem Platz, wo Deine Urne darunter ruht. Ein kleines Symbol meiner Liebe… Nun habe ich einen kleinen Kranz aus Weidenruten, den ich gerade am Tag zuvor geflochten hatte, hingelegt. Weiße Primeln und eine blaue Hyazinthe darin. Heute werde ich Maiglöckchen in Deinem Gärtchen einpflanzen. Omi hat sie extra für Dich besorgt.

Du bist mir so nah und doch bist Du so fern… meine Sehnsucht… meine Liebe… meine Trauer… mein Leben…meine Zukunft… mein kleiner Sohn. Ich liebe Dich so.

Jetzt: Eine Ahnung von ewigem Licht und leuchtender Ewigkeit...? Dich nicht im Dunkeln träumen, Dich ins Licht träumen! Dich im Licht finden!

 

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