Tod

29. November 2010

Heute Morgen habe ich mich an Deinen kanariengelben daunengefütterten Anorak erinnert. Du warst 5 oder 6. Und Du sahst im kalten Winter hell und lustig aus, wie eine kleine Sonne.

Wenn Du Deine Jacke auszogst, war sie innen ganz warm und weich, und ich genoss es, die Wärme Deines kleinen Körpers in der Jacke zu spüren. Du hast die Jacke geliebt, ich musste sie immer abends waschen und im Trockner trocknen, damit Du sie am nächsten Tag wieder anziehen konntest.
Als die Jacke zu klein war, haben wir sie, wie fast alle Deiner Sachen, weitergegeben an jüngere Kinder im Bekanntenkreis. Jetzt bin ich traurig darüber, dass ich nicht wenigstens einige der schönsten Kleidungsstücke, die Du am liebsten getragen hast, aufbewahrt habe. Aber was sollten sie! Sie würden im Schrank liegen und vermutlich hätte ich Angst, sie überhaupt anzuschauen…

Anfang Dezember, 2010

Lieber Simeon, es hat geschneit, geschneit, geschneit.
Alles ist weiß. Dicker, pulveriger Schnee hüllt die kalte Welt friedlich ein. Auf dem Friedhof kreuzen sich die Spuren der kleinen Tiere: Katzen, Krähen, vielleicht ein Fuchs…  kaum Stiefelabdrücke, Wenige nur besuchen ihre Toten. Ich suche die Ruhe, ich suche den Schutz des weißen Schnees. Die Stille.
Natürlich hatte ich nicht vergessen, dass heute Nikolaus ist. Natürlich dachte ich daran, wie ich immer in der Nacht Überraschungen vor Deine Tür stellte. Als Du älter wurdest, bist Du meist später schlafen gegangen als wir, da habe ich mich ganz früh bevor Du wach wurdest in Dein Zimmer geschlichen und Nikolaus gespielt.

Abends zuvor noch hatte ich, die Gegend um mich her betrachtend, entdeckt, dass der Schnee wie mit tausenden, winzigen Sternen überzogen glitzerte.

Ich war mit einem Mal ganz sicher, dass Du mir diesen frühen Schnee geschickt hast.

Denn Du weißt, wie sehr ich den Schnee liebe, in der Kälte, wenn er die Erde mit seinem gnädigen Kleid der Stille überzieht und uns in der dunklen Jahreszeit zum Ausgleich das Licht im Weiss des Schnees schenkt.
Der Schnee ist Dein Geschenk, er kommt von Dir und ist so weiß und rein und unschuldig, wie Du es bist. Und Du hast mir die Sternlein darauf gezaubert und sagst: Sieh doch, wie dicht die Sterne bei Dir sind! So nah bin ich auch bei Dir! Ja, lieber Simeon, so nah sind wir auch beieinander. Wenn die Sterne hier unten sind, dann kannst auch Du hier unten sein. In anderer Gestalt, doch bist Du hier. Nichts kann uns entfernen, nichts fortreißen.

Die Liebe ist stärker als der Tod.

Aber der Tod ist eine große Macht, der wir nicht ausweichen können.

 

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