Eis auf dem Müggelsee

9. März 2011

Lieber Simeon,

Müggelsee - Die Messtation im WinterGestern Mittag bin ich mit Gabi zur Unglücksstelle am Müggelsee gegangen. Eis liegt auf dem See, am Rand taut und kracht es schon, in der Mitte scheint es fest zu sein.
Wer weiß? Es ist trügerisch.
Zwei Männer liefen Schlittschuh in der Sonne.
Sie liefen dort, ganz nah an der Stelle, wo Du diese Welt verlassen hast.
Sie wissen nichts davon. Sie kannten Dich nicht.
Sie wissen nicht einmal, dass es Dich gab. Sie wissen vielleicht auch nicht, dass an der Stelle im letzten Sommer ein Junge ertrunken ist.
Sie wissen nicht, dass sie Glück haben, nicht im See zu ertrinken, dass sie Glück haben, dass das Eis nicht unter ihnen zerbirst. Dass sie Glück haben, dass sie keinen Herzinfarkt haben und tot umfallen. Sie können abends zu Haus sitzen und darüber schimpfen, welches Pech sie im Leben haben, weil irgendeine Kleinigkeit nicht nach ihrem Willen läuft.
So verschieden sind die Dimensionen.

Vielleicht öffnet uns das Leid erst wirklich die Augen für das einfache Glück. Aber wenn man zu viel vom Leid kosten muss, schmeckt das Glück bitter.