23. Juli 2010

Ich kann nicht glauben, dass dies meinem Kind widerfuhr.


Wir können nicht in unserem Bett schlafen, wir können nicht einmal daran denken, Wand an Wand zu Deinem verlassenen Zimmer zu liegen. Wir nehmen Isomatten und Schlafsäcke und richten uns ein Lager in Deinem Zimmer ganz dicht vor Deinem schönen Bett ein. Ganz nah. Ich kann meinen Arm ausstrecken und fühle das Laken, die Decke, ich rieche den Duft von Sommer und Schlaf. Ich erinnere mich an den glücklichen Anblick am Morgen dieses Donnerstages, der sonnenfroh und ferienfaul begann.
Das Unaussprechliche, das Undenkbare ist, dass es Dich nicht mehr gibt. Dass Du nie wieder da sein wirst. Wie stellt sich ein Mensch „immer“ oder „nie wieder“ vor?  Doch, es gibt Dich, es gibt Deinen Körper, soviel ist sicher. Dieser Körper treibt noch immer im Wasser.

Lieblingshemd...24. Juli 2010

Samstagmorgen. Wir erwachen 4 Uhr morgens auf dem Boden vor Deinem Bett. Wir wissen sofort, warum. Im  Zimmer ist es noch dämmrig grau. Alle Umrisse sind erkennbar. Die Farben des Zimmers scheinen erstorben. Fahl und fern. Des Lebens beraubt  Auf Dein Bett, am Fußende, hatten wir vor dem Einschlafen das Telefon und ein Handy hingelegt. Unsere Verbindungskabel zu den Lebendigen. Wir warten jeden Moment auf ein Zeichen. Auf welches Zeichen?

Dein weißes Hemd mit den hellblauen und den dünnen schwarzen Streifen hängt am Schrank. So, dass man den Rücken sieht. Du hattest es ein paar Tage zuvor getragen. Die Ärmel sind zur Hälfte hochgekrempelt, so wie Du es am liebsten getragen hast. Offen, mit einem weißen T-Shirt darunter, die Ärmel bis knapp unter die Ellenbogen hochgeschlagen. Ich stehe auf, gehe zum Schrank und rieche, wie die Frische, die Lebendigkeit aus Deinem Hemd strömt. Ich drücke mein Gesicht in den Stoff. Das bist Du, so riechst Du, jung, frisch, lebendig. So leicht und unbeschwert. Ein wenig nach Schweiß, ganz zart, irgendwie unschuldig, sauber und duftig, nach Deinem Eau de Toilette. Es riecht wie ein schöner Sommertag, nach der Lust mit Freunden auszugehen, nach der Idee nochmal in die Stadt zufahren und sich mit Leuten zu treffen, mit Mädchen zusammen zu sitzen, nach Lachen, nach Jugend, nach Hoffnung, nach Gewissheit, nach Leben. Nach meinem Kind, das schon groß geworden ist. Nach meinem Kind, dass gerade ein Mann wird und sein Leben bald allein gestaltet.


Ich kann nicht glauben, dass dieses Kind ertrunken ist. Dass dieses Kind im See treibt. Dass dieses Kind, nicht geborgen werden kann. Dass dieses Kind allein ist. Dass dieses Kind gestorben ist.

Dass Du dieses Kind bist.