dunkle Wolken über dem Müggelsee 2010

24. Juli 2010

Wenn das Telefon klingelt, erschrecken wir jedes Mal, als würden wir angefahren. Unsere Anspannung muss riesig sein, das wird uns erst  in solchen Momenten bewusst. Sonst sind wir matt, kaputt, dumpf. Das Hirn rast und produziert unendlich viele Gedanken und Gefühlsblitze gleichzeitig, die einfach nicht zusammenpassen wollen. Alles widerspricht einander. Keine Idee, kein Ausweg, keine Erklärung, kein Halt. Gleichzeitig sind unsere Körper schwach, schwer, wie nicht zu uns gehörig.

9:30 klingelt es an der Haustür. Polizei. Eine Frau und ein Mann. Schwere Schritte, nasse Schuhe, aus den Profilen der Schuhe fällt ein wenig Sand auf die Treppe. Es hat aufgehört zu regnen. Nach zwei Tagen endlich. Die beiden kommen ins Wohnzimmer und setzen sich auf die angebotenen Plätze. Mitfühlend und freundlich erklärt die Polizistin, dass sie Dich aus dem Müggelsee geborgen haben. Sie hat Tränen in den Augen und das tut uns gut. Sie sagt, sie hätte auch einen Sohn. 18 Jahre alt. Dass da ein Mensch sitzt und weinen muss, während er uns diese Botschaft bringt. Eine Polizistin die ihren Dienst macht und dabei ahnt, was Tod bedeutet.
Sind wir erleichtert? Ist es so, als wüssten wir Dich endlich in Sicherheit?

Nicht mehr vermisst?

Wiedergefunden?

Oder haben wir jetzt die Gewissheit des Unwiderruflichen, das Ende der Hoffnung? Beides mischt sich. Beides gehört zusammen. Es gibt nicht eine Wahrheit, eine Erkenntnis.

In dem Du geborgen bist, bist Du endgültig verloren.

Alles bleibt unwahr, unerträglich. Lass diesen Film enden, lass uns erwachen. Mach, dass nichts davon wahr ist. Dreh die Zeit zurück, mach Geschehenes ungeschehen, radiere das Ereignis aus. Lass es an uns vorübergehen. Mach, dass wir nicht gemeint sind. Nicht Simeon, nicht Du, nicht ich, nicht unsere Familie.