Donnerstag,16. September

Lieber Simeon,

Ich sitze im Flugzeug nach Rhodos, hinter dem Flügel auf der rechten Seite, Fensterplatz. Neben mir Frank.
Die Reise war Euer Geburtstagsgeschenk für mich. 14 Tage Rhodos,14 Tage Zeit, die Insel zu erkunden, zu entspannen und das Mittelmeer zu genießen. Frank muss ein paar Tage zur Konferenz, der Rest bleibt für uns beide: Ferien!

So war der Plan im März. Währenddessen wolltest Du das Haus hüten, Dich um Struppi kümmern, tagsüber in die Schule gehen und abends „sturmfreie Bude“ haben.

Unsere Familie

Alles ist anders.
Seit dem 22. Juli.
Die Verabredungen gelten nicht mehr.
Nichts ist, wie es war.

Wir fliegen.
Bald.

Die südliche Sonne wird meine Augen blenden, das Meer wird den Schmerz verhöhnen mit seiner Bläue. Ich verrate Dich, ich verlasse Dich, wenn ich unseren Ort, unseren Lebensort, verlasse.
Ich reise Deinetwegen. Ich reise nicht trotzdem! Wem könnte ich trotzen? Dem Tod? Ich reise, weil es Euer Geschenk ist. Ich werde Dich in meinen Gedanken mitnehmen. Das ist meine Bedingung. Die einzige Möglichkeit. Die einzige Rechtfertigung.
Diese Reise. Zu Dir, zu mir, zu uns. Zum Tod. Zum Leben. Durch meine Augen sollst Du sehen, durch meine Ohren hören, durch meine Nase riechen, meine Füße sollen Dich überall hin tragen, und mein Hirn: Nimm es zum Denken, mein Herz zum Fühlen. Ich will leben und will Dir alles darbringen, weil Du nicht leben kannst. Wie soll das gehen, wie kann ich mein Leben für Dich geben, wie tue ich es?
Muss ich leben, weil Du gestorben bist?  Will ich das? Kann ich? Ich lebe, ungefragt, das Leben verlässt mich nicht, nicht jetzt, nicht einfach so. Auch Dich hat niemand gefragt. Du hattest keine Wahl. Du hättest Dich immer für das Leben entschieden.

Himmel

Das Flugzeug ist ein A 320, sagt Frank. Die Sonne blitzt zwischen den Wolken im regenverhangenen Himmel auf. Wir fahren schon. Die Maschine erhöht ihre Geschwindigkeit auf der Startbahn. So könnte es weiter gehen bis zur Lichtgeschwindigkeit und wir könnten uns darin auflösen. Stattdessen heben wir mit einem Ruck ab und steigen.
Wir überfliegen den Tegeler Flughafensee.  Hier warst Du an einem Nachmittag am Anfang der Sommerferien mit Theresa, Philine und Max. Ich sehe aus dem Fenster und versuche unten am Ufer Einzelheiten zu erkennen: Wo habt Ihr gebadet? Wo habt Ihr Euch gesonnt? Wo seid Ihr entlang gegangen? Sehe ich noch Spuren von Euch, habt Ihr etwas hinterlassen? Als ob ich Dich dort in der Vergangenheit wiederfinden könnte…
Wir durchbrechen die ersten Wolken, es ruckelt, mir wird schlecht. Es macht nichts, wenn ich sterbe, denke ich. Wir fliegen höher, über die Wattewölkchen hinaus. Diese schöne Welt ist wie ein Märchen, der Himmel ist blau, die Sonne strahlt übermächtig. Wir fliegen durch den Himmel, die Wölkchen scheinen zum Anfassen nah. Es ist der Himmel, in dem wir beide uns vor etwa drei Wochen getroffen haben, Simeon. Dein Himmel. Ich habe ihn für Dich mit offenen Augen geträumt, um Dich zu finden. In meiner Verzweiflung habe ich diesen Ort für Dich erfunden. Damit Du auf Wattewölkchenhaufen wandeln, tanzen, laufen und lachen kannst. Dann habe ich Dich darin besucht. Du hast mir alles gezeigt. Du hattest weiße Bermudas an und ein schneeweißes T-Shirt, Du hattest nackte Füße. Dein Gang war elastisch und leicht.  Deine Haut war  gebräunt und Deine braunen Locken sahen aus, wie am Morgen des 22. Juli. Deine Augen leuchteten zwischen blau und grün. (Du meintest immer sie seien grün, ich finde sie blau, unbeschreiblich: Strahlend und weich zugleich.) Selig, frei, unbeschwert, Ferienkind im Himmel, im Wolkenparadies.

WolkenengelDas Flugzeug dreht langsame Kurven in die Höhe. Unsere schöne Riesenkugel liegt wie einen Ausschnitt aus der Weltenscheibe unter uns. Die Wolken scheinen jetzt ganz nah an der Erde zu sein. So dicht über der Erde kann unmöglich ein Paradies  sein. Jetzt bin ich oben. Bist du auch hier, Simeon?  Sind wir uns hier endlich wieder nah?
Am Sonntagabend, als unser Leben noch glücklich war, vier Tage bevor uns die Welt zerbarst, haben wir im Wohnzimmer gemütlich auf der Couch gelümmelt. Wir sahen uns zu dritt die erste Hälfte von „Big Fish“ an, weißt Du? Am Sonntagabend, in der anderen Zeit. In der Zeit, die sich noch bewegte. Es gibt da die Szene, in der Edward Bloom den Dichter seiner Heimatstadt in Spectre wiedertrifft. In diesem  skurrilen Ort Spectre, an dem man keine Schuhe braucht, wo alle ewig lächeln und alles ein wenig zu sauber aussieht. Der Dichter zeigt ihm sein unveröffentlichtes Werk, an dem er schon zwölf Jahre arbeitet. Da steht: Der Himmel ist blau, das Gras ist grün, Spectre ist einfach toll! Bloom grinst über diese Banalität. Der Dichter ist beleidigt.
Jetzt sehe ich zum  Fenster hinaus: Der Himmel ist blau, die Wolken sind weiß, die Welt ist wirklich wunderschön. Ich weiß, wie sehr Du sie liebst, diese Welt. Nicht nur wegen des blauen Himmels und der schneeweißen Wolken. Du liebst alles. Du hast die Gewissheit, gut darin aufgehoben zu sein. Du hast die Gewissheit, dass das Leben Geschenke bereit hält für jeden. Du willst alles entdecken: Die Geschenke, die Abenteuer, die Aufgaben, die Liebe. Du wolltest. Und jetzt: Schluss! Der Tod? Gott? Das Schicksal? Das Leben? Das Leben hat Dich im Stich gelassen? Warum?

Das Gefühl, winzig und ohnmächtig und doch in der Welt gut aufgehoben zu sein, stellt sich ein, wenn Du im Flugzeug über die Wolken gleitest. Dieses Gefühl hast du auch gekannt. Du sollst es wieder erleben: Jetzt, später, einmal noch! Immer. Immer wieder!

Meeresbrandung

Nach gut zwei Stunden sind wir über dem Mittelmeer. Wolkenloser Himmel, tief unten das Wasser. Sonnenreflexe auf den Wellen. Wir kommen an mehreren kleinen Inseln vorbei. Ob sie bewohnt sind? Von oben sieht alles leer aus. Der Pilot hat eben die Temperatur auf Rhodos angesagt: 27°C und sonnig. Wir kommen aus dem regennassen, dunklen, kalten Berlin, fliegen ein bisschen und landen in einem fremden, bunten Sommer. Ohne Dich. Du kommst  nur in meinen verworrenen, verirrten, verwaisten Gedanken mit. Ich weine. Ich weine um Dich, Simeon.