Dienstag, 21. September

Oft hast du mir von Deinen Entdeckungen erzählt, oft hatte ich Schwierigkeiten zu folgen, wenn es um Chemie ging, um Physik, um Informatik, um Mathe. Ich hatte von all dem keine Ahnung und war mehr mit Staunen beschäftigt. Die Einzelheiten fand ich nicht so wichtig, aber die waren es ja gerade, die Dich faszinierten und die Du so gerne mit jemandem teilen wolltest. Da war ich kein guter Partner. Das tut mir heute weh. Ich fand es auch früher schon schade, und war manchmal traurig, dass ich in meiner eigenen Haut feststeckte.

Ich wollte mit Dir gerne mehr über andere Themen reden. Jetzt verstehe ich, dass Du wirklich so begeistert warst von all den Sachen und dass Du viel geradliniger und klarer warst, als ich. Du warst 18 Jahre alt. Ist es da nicht normal, dass Mutter und Sohn, nicht täglich lange Gespräche haben? Du wolltest schon Dein eigenes Leben führen, im Hotel Mama noch, aber Du wolltest reden und kommunizieren, wann, wie und mit dem Du es für angemessen hieltest.
Und ich finde es richtig, dass sich die Wege mal parallel bewegten und mal kreuzten. Ich habe mich auch schon auf die Zukunft gefreut. Ich hatte das sichere Gefühl, dass wir später, wenn Du noch etwas älter sein würdest, nach Deinem Studium vielleicht, ganz nah und vertraut sein würden. So ähnlich, wie ich es mit David auch erlebe, jetzt. Er ist reifer geworden, weicher, umsichtiger und er spürt seine Verantwortung im Leben. Er ist nicht mehr der junge Kerl, der alles riskieren, alles über den Haufen werfen und immer gewinnen muss. Du warst gerade dabei, Deine Eigenständigkeit zu üben, Dich von mir zu distanzieren. Selbst das geriet bei Dir zu einem angenehmen, netten, kooperativen Prozess.

Friedhof

Wasser

Mittwoch, 22. September

Nicht nur der eine Simeon, der 18jährige, der fast erwachsene Mann ist gestorben, nein, jeder Simeon, jeder Möni, der Du je warst: Der kleine 3-jährige, der 5-jährige Junge, der Zukunftsträume hatte, der seine Gegenwart als die einzig mögliche und vollkommen akzeptable erlebte, der schon viele eigene bewusste Erinnerungen hatte. In jeder Minute Deines Lebens warst Du ein Wesen, das ganz spezifisch, absolut einzigartig Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, erinnert, erlebt, erwartet hat. Immer warst Du im Wandel, alles hat in Dir seine Spur hinterlassen. Einen unendlichen Schatz hast Du angesammelt in Deinem Innern, in Deinem Wesen. Und mitgenommen. Niemand wird je die Welt und Dein Leben sehen, wie Du es gesehen hast. Niemand wird je wissen…

Wenn ein alter Mensch sterben muss, ist es auch so, dass er alles mitnimmt. Doch hatte er lange die Gelegenheit, aus seiner Zukunft Gegenwart zu machen und die Gegenwart in die Vergangenheit zu entlassen. Vielleicht hat er  für das, was seine Zukunft nicht mehr fassen kann,  den Keim in nachkommende Generationen setzen können. Wenn man am Ende seines Lebens annähernd am Ende seiner (erwarteten) Zukunft angekommen ist, dann  ist ein Leben vollendet und man hatte auch genügend Zeit, zu lernen, dass das Leben der Vollendung entgegen strebt. Man hatte Zeit den Abschied zu lernen, und vielleicht war ja auch die Lebenskraft genau für eine solche Strecke eingeteilt und die Kraft lässt verlässt einen langsam, am Ende. Dein Leben hat sich nicht vollendet. Es wurde jäh abgebrochen, am Beginn, an einem Punkt noch vor der größten Kraftentfaltung, am Punkt, wo der Traum von Zukunft beginnt reale Umrisse zu anzunehmen und sich in eine Erwartung, eine Gewissheit verwandelt und große Lebenskraft freisetzt. Alle Deine Pläne sind mit einem einzigen Handstreich vom Tisch gefegt worden, Dein Lebenslicht ist umgeworfen, zertreten, ausgelöscht.

Lieber Simeon, unser Leben ist aus den Fugen. Wir wissen nicht ein noch aus. Nichts ist, wie es war und doch müssen wir normale Dinge tun. Müssen wir? Welche? Was sollten wir sonst tun, statt dieser normalen Dinge? Was ist normal, was ist das Richtige?