Samstag, 25.September

Frühstück im Hotel, Unterhaltung mit Frank. Was für Gewohnheitstiere sind Menschen? Die Fähigkeit, sich an alle Umstände, die nicht zu ändern sind, in aller kürzester Zeit zu gewöhnen, sich damit zu arrangieren, sie möglicherweise sogar zu akzeptieren, ist es diese Eigenschaft, die dafür gesorgt hat, dass die Menschheit als solche überlebt hat und immer wieder überlebt? Diese extreme Anpassungsfähigkeit, die es Menschen ermöglicht, schwerste Katastrophen, Kriege, Epidemien, Folter, Misshandlungen auszuhalten und sich mit den Gegebenheiten zurechtzufinden, sie als gesetzten Aktionsrahmen anzuerkennen und innerhalb dessen die bestmöglichen Bedingungen für das eigene Weiterbestehen zu sichern? 
Ich erschrecke über mich selbst. Deshalb komme ich gerade jetzt auf diese Frage. Wie kann es sein, dass ich nur 9 Wochen nach dem Tod meines eigenen Kindes, fähig bin, diesen Tod als Realität zu betrachten. Ich lebe mit dem Wissen, dass dieser Tod stattgefunden hat, dass er unwiederbringlich meinen Sohn Simeon fortgerissen hat. Ich lebe weiter. Ich stehe jeden Morgen auf, frühstücke hier auf Rhodos, nur weil diese Reise schon im Frühling, als wir noch alle zusammen leben durften, geplant wurde. Ich dusche mich, kämme meine Haare, überlege, welche Ausflüge wir unternehmen, denke darüber nach, wie das Leben  in Berlin weitergehen kann. Ich fotografiere, für Dich, aber auch für meine eigene Erinnerung an eine Reise, die ich mit Gedanken an Dich und in Trauer um Dich mache.

Ornamente

Bettlerin

Kleine Kirche in Rhodos FanouriosGegen Abend in der Altstadt. Wir kommen wieder einmal an der Kirche des Heiligen Fanourios vorbei. Am Tag zuvor stand eine polnische Reisegruppe im Innenhof, heute sind nur wenige Leute da, aber alles ist offen, wir können schon vom Zaun aus hineinsehen. Zwei Frauen mit Brot oder Kuchen laufen draußen umher, ein Geistlicher, noch ein anderer Mann. Wir bleiben am Zaun stehen und überlegen noch, ob wir hineingehen oder nicht. Es sieht so aus, als ob die Leute gerade fertig sind. Vielleicht war gerade ein besonderer Gottesdienst, wir wissen nicht, ob sie im Begriff sind die Kirche zu schließen oder ob wir noch hinein können.


Eine der Frauen kommt zu uns, gibt erst mir und dann Frank ein Stück von dem nach Zimt duftenden Kuchenbrot durchs Zaungitter. Sie fragt uns erst ob wir deutsch sprechen, dann erklärt sie uns fließend auf Deutsch, das der Heilige Fanourios, dem die Kirche gewidmet ist, der Schutzpatron von Rhodos ist. Die Frau sagt, sie hat heute Morgen den Kuchen gebacken und ist dann extra aus Kreta angereist, um in dieser Kirche zum Heiligen Fanourios zu beten. Sie sagt, er hilft denjenigen die etwas Wichtiges, Liebes, Wertvolles verloren haben und hilft ihnen, dies wiederzufinden. Es durchzuckt mich wie ein Blitz, ich möchte sofort zu diesem Heiligen, ich möchte rufen, ja ich habe einen Sohn verloren, dann wird mir bewusst, dass ich Dich nie wiederbekommen kann, so wie Du da warst, lebendig,  und mich durchflutet hoffnungslose Trauer.
Die Frau aus Kreta heißt Wilma oder Wilhelmina, die Einzige auf Kreta mit diesem Namen, sagt sie. Sie meint, man müsse , Kuchen backen, mitbringen, als Opfergabe diesen nach dem Gebet an Andere verteilen, damit der Wunsch Nachdruck bekomme und erfüllt werde.
Simeon, lebendig wird auch Fanourios Dich nicht zurückbringen, trotzdem gehen wir in die Kirche und ich bitte, bitte und sehne mich, dass mein Geist wach genug werden möge, Dich zu finden, zu verstehen, wo Du bist, wie Du bist, die Einheit zwischen Dir und mir wieder zu finden. Zu verstehen, dass zwischen Leben und nicht Leben nur eine Tür ist, und das in beiden Räumen der selbe Geist anwesend ist. Oder das Leben und Nichtleben nur zwei verschiedene Formen des Daseins sind. 
Die Kirche hat ein kleines tunnelartiges Gewölbe, ganz dunkel sieht es aus, wie von einem Brand geschwärzt. Man kann noch Reste von wunderbaren, einfachen, farbigen Fresken erkennen.


FanouriosDann entdecken wir den Heiligen Fanourios. Er ist ein Junge, nicht älter als DU! Er hat Deine Augen. Nicht die  gleiche Farbe, doch den gleichen Blick, die gleichmäßigen Brauen, deren Bogen mit feinem Schwung in die Kontur der Nase übergehen. Die ruhigen, leicht  schräg stehen Augen, die Deinen Blick immer ein ganz klein wenig  traurig oder melancholisch wirken lassen… Fanourios schaut wie Du.  Und er soll uns helfen. Irgendwie soll er helfen, Dich zu finden. Ich habe in der kleinen Kirche drei Ikonen von Fanourios gefunden und habe sie heimlich fotografiert, ohne Blitz, deshalb sind die Bilder verwackelt. Aber ich werde sie Dir zeigen.

 

Fanourios und Simeon