Ahornlaub

Sonntag, 3. Oktober

Lieber Simeon,

jetzt sind wir schon seit zwei Tagen und zwei Nächten in unserer einstmals schönen, jetzt nur leeren und einsamen Wohnung.
Am Donnerstag, den 30.September ging unser Flug 15:30 mit zwanzig Minuten Verspätung vom Flughafen Rhodos ab. Im griechischen Luftraum fanden am selben Tag Militärübungen statt, deshalb war wahrscheinlich die Frühmaschine, die wir ursprünglich gebucht hatten, ausgefallen.

Wir kamen abends erst nach Neun zu Hause an. In Ostkreuz gab es Bombenalarm, alles war weiträumig abgesperrt, 10.000 Leute sollen evakuiert worden sein. Die S-Bahn fuhr nicht, es gab einiges Verkehrschaos. Wir sind in einem Sammeltaxi mit unseren schweren, sperrigen Koffern und mit zwei anderen Leuten gefahren.

Ahornallee 5. Unten auf der Straße haben wir unser „zu Hause“ von außen betrachtet: Eine dunkle, dunkle Etage. Verlassen. Niemand wartet. Niemand lebt dort. Oder?

Als wir in die Wohnung eintraten, konnte ich schon im  Dunkeln sehen: Im Wohnzimmer auf dem Tischchen unter Deinem Bild stehen frische Blumen, ein Lichtlein brennt. Ich konnte im schwachen Schein Dein Gesicht auf dem Foto erkennen, Du lächeltest.  Du bist da, auch wenn ich Dich nie mehr umarmen kann. Auch wenn wir nie mehr zusammen laut lachen können.

Du bist da, auf andere Weise.
Das möchte ich glauben, das glaube ich.