In Laaslich auf der Treppe vor der Haustür in einer Nacht Ende August 2011

An der äußersten Spitze des schiefen Kirchturms, ganz oben am metallenen Stern über dem Wetterfähnchen mit der Jahreszahl, wo am Nachmittag still eine Elster hockte, am Abend während des Sonnenuntergangs eine Krähe fortwährend mit eintönigem, heiseren Krahkrah die Zeit durchschnitt – so nah an der Spitze klebte ein winziger, leuchtender Himmelsstern neben dem Kirchturmspitzen-Stern. Wie oft mag dieser Himmelsstern schon an der Kirche vorbei seine Bahn gezogen haben. Die Feldsteinmauern mit dem hellen Kalkputz haben viele Generationen überdauert. Jahrhunderte. Irgendwann wuchs der kleinen Kirche ein Turm aus Fachwerk, später ein Mützchen aus Schiefer auf den Turm und darauf eine schöne Wetterfahne, zur Krönung in den Himmel gereckt oben ein Stern. Da begann sich der Turm gegen die Erde zu neigen, wurde schief und wollte stürzen. Aber das Kirchlein blieb trotzig und fest auf der Erde stehen und hielt seinen Turm fest.
Ein Ort hier, an dem die Zeit langsamer geht?
Heute sah ich den Himmelsstern leuchten. Während ich schreibe, drehen wir uns mit der Erde und der Stern scheint nach rechts zu ziehen, immer weiter entfernt er sich von der Kirchsturmspitze. Ich habe ihn in diesem einen Nachthimmel, in dieser einen Nacht aus tausenden von Lichtern entdeckt. Heute. Wieviele Sterne habe ich noch niemals gesehen? Haben wir je die selben Sterne gesehen? Wissen wir? Treffen sich Blicke im Zeitlosen, im Raumlosen?

Die hohen Bäume sind schwarze Silhouetten, wie auf Bildern in alten Märchenbüchern. Die Grillen surren in der Nacht, die Luft vibriert vom Zirpen und es schmeckt mir ein alter, süßer Klang von glücklichen Sommern in der Kehle. Ferne Sommer. Alte Sommer, in denen Kinderstimmen und Düfte und Gewissheit und Wunder zusammen gehörten. Und heute, diese Nacht. Grillen und Sterne, und Dunkelheit. Geborgen in der Dunkelheit, all die kleinen Wesen. Und einsam in der Dunkelheit all die kleinen Wesen. Die wir sind, die wir waren. Wir ziehen vorbei, woher, wohin...
Eine Hornisse will zur Haustüre hinein, weil im Innern Licht brennt. Sie brummt ihren tiefen Ton. Aufdringlich und laut. Laut schlägt sie gegen das Glas, wieder und wieder.
Das Kopfsteinpflaster glänzt unter dem schwachen Lichtkegel der Straßenlaterne. Tzstzstzstzstzstzstzssss… klingt es von der Grille. Hast Du einmal eine Grille gesehen?