Lieber Simeon,

am 25. August habe ich einen Anruf bekommen von Nora. Nora Bakir. Jetzt kenne ich endlich ihren Nachnamen. Ich wusste gleich, es ist dieselbe Nora, die Dich in der 12. Klasse oft angerufen hat wegen Mathematik und ich dachte damals, sie hätte bestimmt einen anderen Grund, Dich anzurufen.
Jetzt wollte sie mit mir sprechen, denn sie hatte in der Schule erfahren, was  geschehen war. Sie stand mit Zaynab und Songül auf dem Friedhof, alle drei suchten Dein Grab und waren schon umhergeirrt, ohne es zu finden. Also bin ich mit dem Fahrrad schnell zu ihnen gefahren.

Wir kannten uns noch nicht, doch wir haben uns alle umarmt. Nora, Songül, Zaynab.

Die Drei hatten jede eine wunderschöne, große Rose für Dich dabei, kurzgeschnitten und mit verschiedenem Grün je zu einem kleinen Strauß gebunden. Eine war rosa, eine gelb und eine lachsfarben.
Wir standen an Deinem Grab, sie erzählten, von Dir, so wie sie Dich kannten. Nora hat Dich bewundernd "genial" genannt, weil Du im Unterricht immer alles verstanden hast, weil Du der Einzige warst, der bei schwierigen Fragen eine Antwort, eine Idee, einen Lösungsansatz hatte, wenn alle anderen nur noch verständnislos herumsaßen. Sie meinte, Du seist nie ein Streber gewesen, hättest nicht viel für die Schule gemacht und trotzdem alles so gut hinbekommen. Hm, das hat mich manchmal geärgert, Du weißt. Ich hatte das Gefühl, dass Du seit Amerika ein bisschen Deine Talente vergeudest. Jetzt glaube ich, Du hast es genau richtig gemacht: Du hast einen Weg gewählt, der nicht ehrgeizig war, Du hast Dein Leben genossen und hast Deine Aufgaben trotzdem erfüllt. Du wolltest nicht der Allerbeste sein, dafür warst Du glücklich und voller Lebensfreude.