Wege

1. 11.2011

Morgen ist der 2. November.

Es ist der Geburtstag meines Sohnes Simeon, der am 22. Juli vergangenen Jahres sterben musste.
Simeon wurde am 2. November 1991 geboren. Er würde morgen 20 Jahre alt werden. Zwanzig! Was für ein Alter, was für ein Leben.
Das Leben beginnt mit zwanzig. Alle Tore stehen weit offen. Das Leben ruft „Ja!“ und da steht ein Mensch voller Kraft und Lebenshunger vor seiner Zukunft.
Nein. Vorbei. Er erlebt es nicht.
Er durfte nichts vollenden von all dem Begonnenen. Er kann nicht staunend zurückschauen auf zwanzig Jahre Kindheit und Jugend. Kann sich nicht mehr wundern über den schnellen Lauf der Zeit. Kann nicht, im Zurückschauen, über die Fülle seines bereits vergangenen Lebens staunen. Ahnend, dass das Spannendste noch bevorsteht.
Nein. Alles was sein konnte, war bereits.
Vermutlich hätte Simeon vor ein paar Wochen sein Studium begonnen. Ich habe nicht mehr erfahren dürfen, für welche Studienrichtung er sich entschieden hätte. Kurz vor seinem Tod, am Ende der 12. Klasse habe ich ihn immer wieder  gefragt, und er meinte, ich solle mich noch gedulden, er hätte noch genug Zeit sich zu entscheiden. So vielseitig waren seine Interessen.
Nein. Er hatte keine Zeit.

Ich bin sehr dankbar, dass ich Simeons Mutter sein durfte. Simeon war ein Geschenk des Lebens an eine Mutter. Ich bin dankbar für jeden Tag und jede Stunde. Dankbar, dass ich für ihn da sein durfte. Dass er mir vom Leben anvertraut war. Dankbar für jedes Wort und jeden Blick, jede Geste, jede Berührung, für jede Erfahrung, für das Glück und für die Wunder, die ich mit Simeon und durch Simeon erleben durfte.
Ich weiß nicht, wie ich den morgigen Tag verbringen werde. Nichts passt. Es ist ein Tag des Erinnerns an die Schönheit des Lebens, an das Glück, an die Zukunft, die sein sollte und doch nicht sein durfte. Es ist ein Tag der Sehnsucht und der Trauer über die Vergeblichkeit des Sehnens.

Ich bitte alle, die Simeon kannten und ihn irgendwie, jeder auf seine Weise sicher, mochten oder gern hatten: Haltet morgen einen kleinen Moment inne und schenkt Simeon einen kleinen Gedanken des Erinnerns. Es ist sein Geburtstag.  Er wäre so gern mitten unter uns allen.

In Trauer und Liebe
Kat

 

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