Wege

17. Oktober 2010

Lieber Simeon,

Ich habe vor einigen Tagen eine Frau kennengelernt, die ihren Sohn vor zehn Jahren verloren hat. Gabriele Gérard. Ihr Sohn heißt Florian. Als er starb, war er 23 Jahre alt, heute hat er seinen 34. Geburtstag. Wir wünschen uns, Du und Florian möget Euch gefunden haben. Wir glauben, dass ihr Euch gut leiden könnt und Freunde geworden seid.
Quatsch? Ach Simeon, ich wünsche es mir so, ich muss an etwas glauben!
Wie soll ich es aushalten? Wie soll ich mir vorstellen, dass Du NICHT bist?
Wie kann ich mir vorstellen, dass es DIR GUT GEHT, wenn es Dir GAR NICHT MEHR irgendwie ergeht? 
Ich stelle mir vor, dass Du mich hörst, dass Du mich verstehst, ich stelle mir vor, dass ich Dich verstehe. Dass ich Dich fühle, dass ich Deine Nähe spüren oder wenigstens ahnen kann. Ich stelle mir vor, dass es eine Daseinsform gibt, die wir nicht begreifen und nicht wahrnehmen können, solange wir auf der Erde am Leben und in einem Körper gehalten sind. In dieser unbegreiflichen nichtirdischen Daseinsform hältst Du Dich auf. In einer Form, die ich nicht kenne. Noch nicht.

 

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