Wege

Simeon allein in New York, 2007

Lieber Simeon,

Ich sehe Dich am Flughafen Tegel, am 13. August 2007, Sechs Uhr früh. Du bist 15 3/4 Jahre alt. Wir beide sind aufgeregt, versuchen aber ruhig zu wirken. Ich, weil ich Dich mit meiner Sorge um Dich nicht verunsichern will. Und Du, warum hast Du Deine Aufregung zu versteckt? Weil Du groß und erwachsen sein wollest? Weil Du Dir selbst Mut machen wolltest? 

Auf der Fahrt zum Flughafen sahen wir von der Stadtautobahn aus Berlin im Morgennebel liegen, darüber leuchtete von weither ein roter Sonnenaufgang.

Es war Deine erste Reise allein. Ein Jahr in die USA zum Schüleraustausch nach Pennsylvania. Du wolltest  mit Dominik, einem Gastschüler aus Tschechien, bei Deiner Gastfamilie Pam und Scott Jones in Wilkes Barre, Pennsylvania  leben.
Da saßen wir in der noch leeren Empfangshalle in Tegel auf einer Metallbank, umringt von den Koffern, die alles enthielten, was Dir unentbehrlich für diesen temporären  „Umzug“ schien. Ich hatte Angst um Dich. Wir haben noch einmal besprochen, was Du bei unvorhergesehenen Schwierigkeiten tun kannst, wohin Du Dich wenden kannst, wie du Dich verhalten solltest. Wir sind ein letztes Mal alle Adressen, Telefonnummern, Papiere und Pass durchgegangen. Dann saßen wir einfach Arm in Arm da und warteten. Dein Vater kam, er wollte sich auch von Dir verabschieden.
Nach dem Einchecken hatten wir noch Zeit.


Kurz vor Amerika, Sommer 2007Ich wollte mir Deinen Anblick einprägen, dieses Bild des Augenblicks kurz vor der Abreise.

Ich wollte diesen Anblick das ganze Jahr, bis Du wieder nach Hause kämest, in mir bewahren.  Du warst groß und schlank.  Sehr jung. Dein Haar war ganz kurz, so dass Deine schöne Kopfform  sichtbar war. Du blicktest in Deiner ruhigen, doch ganz und gar wachen Art.
In Deinem Blick lagen Zuversicht, Abenteuerlust und Liebe. Und in Deinen Augen konnte ich auch die Aufregung und Bangigkeit vor dem kommenden Abenteuer lesen.

Ich liebe Dich! Ich bewundere Deinen Mut, mein Kleiner!

Noch nicht mal ganz 16 Jahre alt, ziehst Du  allein in die Welt, für ein ganzes, langes Jahr. Du bist mutig und brichst auf ins Fremde, Unbekannte.

Ich bin sehr stolz auf meinen großen kleinen Sohn!

 

 

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